„Wo war ich?“ So findest du mit ADHS nach einer Unterbrechung wieder in dein Ordnungsprojekt
Du hast dir endlich die Schublade vorgenommen. Die ersten Sachen liegen draußen, du bist gerade drin. Und dann klingelt das Telefon, das Kind ruft oder du merkst, dass du in zehn Minuten beim Termin sein musst.
Als du zurückkommst, liegt alles noch da. Nur du weißt nicht mehr, was davon schon entschieden war und was nicht. Also fängst du etwas anderes an. Oder du räumst alles wieder rein und denkst: Mache ich ein anderes Mal.
„Wie mache ich weiter, wenn ich rausgerissen wurde?“ Diese Frage bekomme ich häufig gestellt. Eine Lösung, die für jede Situation passt, gibt es nicht. Aber es gibt ein paar Gewohnheiten, die dir den Wiedereinstieg deutlich leichter machen. Und es gibt einen Unterschied zwischen einer Unterbrechung von zehn Minuten und einer Pause von drei Monaten.
In diesem Artikel gehe ich davon aus, dass bei dir eine Grundordnung besteht. Dass die Dinge also grundsätzlich einen Platz haben und du an einem Bereich arbeitest, in dem du schon ungefähr weißt, was wohin gehört. Beim Kleiderschrank ist das meistens so. Im Wohnzimmer oder im Arbeitszimmer sieht das oft anders aus.
Wenn es bei dir diese Grundordnung noch nicht gibt, helfen dir die Tipps aus diesem Artikel nur begrenzt. Dann ist der erste Schritt, sie aufzubauen. Genau dafür gibt es mein 1:1-Ordnungscoaching: Wir schauen gemeinsam, wo dein Hauptschmerzpunkt liegt, und bauen eine Ordnung auf, zu der du später zurückkehren kannst.
Was eine Grundordnung ausmacht, findest du im Artikel Ordnung halten bei ADHS: Wie eine Grundordnung im Alltag funktioniert.
Unterbrechung ist nicht gleich Unterbrechung. Ich unterscheide drei Situationen:
Und dann gibt es noch das Telefonat. Das liegt irgendwo dazwischen. Bei manchen Aufgaben kannst du nebenbei weitermachen, zum Beispiel Socken zusammenlegen. Dann lass dich davon nicht stoppen. Bei Aufgaben, für die du deinen Kopf brauchst, zählt das Telefonat wie eine Unterbrechung zu Hause.
Der wichtigste Schritt passiert, bevor überhaupt etwas dazwischenkommt: am Anfang.
Schreib dir einen Zettel mit dem Datum und dem, was du dir vorgenommen hast. Zum Beispiel: „27.10. – Flur, Schuhregal“. Den legst du an den Ort, an dem du arbeitest. Und dann machst du ein Foto, und zwar mit dem Zettel im Bild.
Warum der Zettel aufs Foto gehört: Ein Foto allein landet in deiner Mediathek zwischen hundert anderen. Zwei Tage später weißt du nicht mehr, warum du dein Schuhregal fotografiert hast. Mit dem Zettel im Bild weißt du es sofort.
Und du hast gleich noch ein Vorher-Foto. Das lohnt sich so oder so, denn der Vergleich zwischen vorher und nachher motiviert.
Wenn du merkst, dass du in fünf Minuten los musst, weil du natürlich vergessen hast, dir einen Wecker zu stellen, dann ist keine Zeit mehr, Kisten zu füllen oder Notizen zu schreiben. Das zu erwarten wäre unrealistisch. Es passiert schlicht nicht.
Genau deshalb kommt der Zettel an den Anfang. Wenn du dann los musst, ist das Wichtigste schon festgehalten: was du dir vorgenommen hattest und wie es vorher aussah.
Ehrlich gesagt: Auch das klappt nicht immer. Der Zettel kann verloren gehen, du kannst ihn beim nächsten Aufräumen aus Versehen wegwerfen oder schlicht vergessen, dass es dieses Projekt gab. Das gehört dazu. Aber mit Zettel und Foto ist die Chance deutlich größer, dass du den Faden wiederfindest.
Wenn du zu Hause bleibst, ist die Lage einfacher. Dein Kind hat sich in den Finger geschnitten, du bist eine halbe Stunde mit Pflaster und Trösten beschäftigt. Danach kommst du zurück, und dein Zettel liegt noch da.
Dann gilt: Erst auf den Zettel schauen, dann weitermachen. Nicht neu überlegen, was du dir vorgenommen hast, sondern genau dort wieder einsteigen.
Die Frage „Wo war ich?“ wird noch schwieriger, wenn du mehrere Ordnungsprojekte gleichzeitig offen hast. War ich gerade im Keller? Oder am Kleiderschrank? Oder wollte ich die Schreibtischschublade machen?
Deshalb gilt hier dasselbe wie im Artikel Abstellkammer ausmisten bei ADHS: Was tun, wenn du nicht in einem Rutsch fertig wirst?: Ein Ordnungsprojekt zur Zeit, und zwar so lange, bis es fertig ist.
Haushalt ist dabei ein eigenes Thema. Gewaschen, gekocht und geputzt wird so oder so, ob es ordentlich ist oder nicht. Das läuft neben deinem Ordnungsprojekt weiter und muss nicht perfekt sein. Wie du deinen Haushalt alltagstauglich aufstellst, findest du im Artikel Haushalt mit ADHS: So wird dein Haushalt alltagstauglich statt zur Dauerbaustelle.
Je kleiner die Aufgabe, desto weniger kann eine Unterbrechung kaputtmachen. Und „Sockenschublade ausmisten“ ist schon eine große Aufgabe, auch wenn es nicht so klingt.
Schau einmal genau hin, was da alles drin ist. Sneakersocken in Weiß, Schwarz und bunt. Normale Socken in denselben Farben. Wollsocken. Sportsocken. Füßlinge für Ballerinas. Feinstrümpfe. Vielleicht noch Strumpfhosen. Und meistens sind sie zusammengelegt, sodass du gar nicht siehst, ob sie Löcher haben. Wie viele du von jeder Sorte hast und wie viele gerade in der Wäsche sind, weißt du wahrscheinlich auch nicht.
In fünf Minuten schaffst du davon vielleicht nur, überhaupt herauszufinden, welche Kategorien es gibt. Und das ist in Ordnung.
Danach nimmst du dir eine Kategorie pro Runde vor. Heute alle schwarzen Sneakersocken: auseinanderfalten, auf Löcher prüfen, im Zweifel anziehen, ob sie noch passen. Und dabei schauen, ob es überhaupt deine sind und nicht die deiner Tochter, die genauso aussehen. Dann sind fünf bis zehn Minuten schnell vorbei. Morgen machst du die weißen.
Bei meinem Umzug habe ich auch sehr kleinteilig aussortiert. Eine Runde waren zum Beispiel nur die Geschenktüten. Das hat zwischen fünf und fünfzehn Minuten gedauert, und dann war diese Kategorie erledigt.
Wenn du dir zehn Minuten vornimmst, kommt oft nach fünf Minuten etwas dazwischen. Dann bleibt das Gefühl, es wieder nicht geschafft zu haben. Plane deshalb lieber fünf Minuten ein. Wenn es dann doch zehn werden, umso besser. Aber das ist eher die Ausnahme.
Und manchmal hast du nicht einmal fünf Minuten am Stück, sondern zwei. Dann kann es passieren, dass du trotz der kleinsten Einheit zurückkommst und nicht mehr weißt, welcher Stapel bleibt und welcher geht. Dafür gibt es den nächsten Trick.
Was bleibt, legst du sofort ordentlich zusammen. Egal ob Socken, T-Shirts, Hosen oder Strumpfhosen.
Die sauber zusammengelegten Sachen sind die, die du behältst. Alles, was noch lose oder unordentlich herumliegt, ist noch nicht entschieden und kommt in der nächsten Runde dran. So siehst du nach jeder Unterbrechung auf einen Blick, wo du warst.
„Aber dann liegen ja die ganzen anderen Socken draußen herum.“ Ja, genau. Im Abstellkammer-Artikel stört dich das Sortierte vor der Tür. Hier stört dich das Unsortierte. Und es stört dich so lange, bis du es erledigt hast. Das soll dich nicht lange nerven. Es soll dich dazu bringen, weiterzumachen.
Für Kleidung auf Bügeln gibt es eine Variante, die ich sehr unterschätzt finde.
Alles, was du behältst, hängt normal im Schrank, sodass du es mit einem Griff herausnehmen kannst. Alles, was noch nicht entschieden ist, hängst du andersherum auf: Der Haken des Bügels zeigt zu dir. Um so ein Teil herauszunehmen, musst du den Bügel erst nach hinten drücken und dann nach vorne ziehen. Du merkst sofort: Das hier ist noch offen.
Und wenn du ein umgedrehtes Teil anziehst, hängst du es danach richtig herum zurück. Dazu gleich mehr.
Vielleicht ist dir aufgefallen, dass das genau andersherum läuft als in der Abstellkammer. Das ist Absicht.
Und dann gibt es noch die lange Pause. Du hast im Oktober angefangen, und jetzt ist Januar. Du weißt nicht mehr, welcher Karton schon gemacht ist und welcher nicht. Der erste Gedanke: Ich fange einfach noch mal von vorne an.
Bitte nicht. Die Spuren, die du hinterlassen hast, zeigen dir, wo du warst:
Und eine lange Pause hat sogar einen Vorteil: Sie beantwortet dir Fragen, die du dir sonst schwer beantworten kannst.
Wenn du drei Monate lang nur die Socken angezogen hast, die du schon sortiert und zusammengelegt hattest, und keine andere Socke vermisst hast, dann ist das deine Antwort. Du kommst mit diesen Socken klar. Den Rest kannst du weggeben. Oder du behältst von jeder Sorte noch ein Paar, wenn dir das lieber ist.
Genauso beim Kleiderschrank: Alles, was nach drei Monaten noch umgedreht auf dem Bügel hängt, hattest du in dieser Zeit nicht an. Das ist kein Urteil, aber eine ziemlich klare Information.
Das gilt natürlich nur bei wirklich langen Pausen. Nach zwei Wochen sagt dir das noch nichts. Und bei Kleidung spielen die Jahreszeiten mit: Wenn deine Pause von Oktober bis Januar ging, sagt dir der umgedrehte Bügel beim Sommerkleid wenig.
Vielleicht merkst du beim Lesen: Das Problem ist bei dir nicht der Zettel oder der Bügel. Es ist, dass du nach der Unterbrechung gar nicht erst zurückkommst.
Genau dafür gibt es mein Cheerleading. Wir legen gemeinsam fest, woran du arbeitest, deine Aufgaben sind auf deinen Alltag zugeschnitten und in kurzer Zeit machbar, und ich frage nach: Hast du es gemacht? Wie lief es? So weiß jemand von deinem Projekt, und es bleibt nicht liegen, wenn der Alltag dazwischenkommt.
Ob das zu dir passt, finden wir im kostenlosen Erstgespräch heraus.
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