Abstellkammer ausmisten ADHS

Die Tür geht kaum auf, der Boden ist voll und für einen ganzen Aufräumtag fehlt dir die Zeit? So mistest du eine vollgestellte Abstellkammer oder einen Keller in kurzen Etappen aus, ohne am Ende alles wieder reinräumen zu müssen.
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Darum gehts

„Wenn ich die Kammer leer räume und es nicht in einer Tour fertig schaffe, muss ich alles wieder reinrümpeln.“

Diesen Satz hat mir eine Bekannte gesagt, nachdem sie sich meinen Blog angeschaut hatte. Sie hat eine Abstellkammer: nicht groß, aber mit hohen Regalen, und alles ist voll. Allein bräuchte sie dafür einen ganzen Tag. Den hat sie nicht. Und ihre Sorge ist verständlich: Am Ende stehen zehn Kisten im Flur, und zwar nicht für einen Nachmittag, sondern für drei Monate.

Diese Frage bekomme ich nicht zum ersten Mal. Es muss auch nicht die Abstellkammer sein. Es kann der Keller sein, der Dachboden, der Hauswirtschaftsraum oder das Gästezimmer, das irgendwann zur Ablage für alles geworden ist. Ein Raum, in den du kaum noch reinkommst, weil der Boden voll ist und die Tür nicht mehr richtig aufgeht.

Die übliche Ausmist-Anleitung lautet: Alles raus, nach Kategorien sortieren, Doppeltes aussortieren, dann wieder einräumen. Das hat seinen Sinn, denn erst so siehst du, wie viele Batterien, Glühbirnen oder Geschenktüten du hast.

Bei einem Raum wie diesem kann dir genau dieses Vorgehen das Genick brechen. Du räumst alles aus, wirst nicht fertig und stehst zwischen Stapeln, für die es keinen Platz gibt. Deshalb gehe ich hier anders vor: Bereich für Bereich, in kurzen Etappen, und jede Etappe ist für sich abgeschlossen.

Erst einmal nur das Offensichtliche

Bevor du irgendetwas ausräumst, nimmst du dir eine Mülltüte. Mehr brauchst du für den ersten Durchgang nicht.

Dann schaust du dir den Raum an, so wie er gerade ist, und nimmst alles raus, bei dem du sofort siehst: Das kann weg. Kaputt, alt, unbrauchbar, seit Jahren nicht mehr benutzt. Die Lampe mit dem gebrochenen Fuß, der leere Karton, der Eimer mit dem Riss, die vertrockneten Pinsel.

Du überlegst dabei nicht lange. Du räumst nichts um und öffnest keine Kisten. Alles, was beim Hinschauen klar ist, kommt direkt in die Tüte. Um es ganz einfach zu halten, ist hier ein Müllsack praktisch, der später in den Restmüll kommt, am besten reißfest. 

Das klingt nach wenig. Aber danach ist weniger im Raum, ohne dass du eine einzige schwierige Entscheidung treffen musstest.

Fang bei der Tür an, nicht beim Regal

Der nächste Schritt ist nicht das Regal. Der nächste Schritt ist die Tür.

Wenn hinter der Tür so viel hängt oder steht, dass sie nicht mehr ganz aufgeht, ist das dein erstes Ziel: Die Tür soll wieder richtig aufgehen.

Du nimmst dir also alles vor, was an der Tür hängt und was dahinter steht. Nur das. Was weg kann, kommt weg. Was bleiben soll, gehört wahrscheinlich irgendwann ins Regal. Aber dort sind wir noch nicht.

Deshalb kommt alles, was bleiben darf, in eine Kiste oder einen Wäschekorb, den du nicht brauchst. Den stellst du vor die Tür und schreibst das aktuelle Datum drauf. Warum, erkläre ich gleich.

Danach sind der Boden und die Wände dran. Erst wenn du dich im Raum wieder bewegen kannst, kommt das Regal.

Und jedes Mal, wenn eine Stelle leer ist, machst du sie direkt sauber: das Stück Boden hinter der Tür, die Haken an der Wand, später das Regalfach. So leer wirst du diese Stelle so bald nicht wieder sehen. Ein feuchtes Tuch reicht, das dauert eine Minute.

Und auch dann nicht das ganze Regal und auch nicht ein ganzes Regalbrett. Sondern eine Kategorie. Zum Beispiel alle Glühbirnen. Oder alle Putzlappen. Du nimmst sie raus, schaust sie durch, sortierst aus, und was bleibt, kommt in die Kiste vor der Tür.

Bei einer Freundin haben wir ihren Kellerraum genau so angefangen: erst den Boden und alles hinter der Tür, danach nach und nach den Rest, und nicht alles auf einmal raus. Wir waren zu zweit und hatten ein paar Stunden am Stück, deshalb waren wir an einem Tag fertig.

Diese Stunden hat aber nicht jede. Gerade wenn du Kinder hast, bleiben oft nur kurze Zeitfenster zwischen zwei anderen Dingen. Dann dauert das Projekt länger. Das ist in Ordnung, solange die Reihenfolge stimmt.

Warum die Kisten vor der Tür stehen sollen

Vielleicht denkst du jetzt: „Kisten vor der Tür? Genau davor habe ich doch Angst.“

Ja. Und genau deshalb stehen sie dort.

Viele Menschen mit ADHS kennen das: Du fängst ein Projekt an, wirst unterbrochen, vergisst es und fängst mit etwas anderem an. Was du nicht siehst, ist schnell aus dem Kopf. Die Kisten vor der Tür verhindern das. Sie sollen dich stören.

Und je mehr Sortiertes draußen steht, desto größer wird der Wunsch, alles wieder einzuräumen. Das hält dich dran.

Auf jede Kiste schreibst du das Datum, an dem du sie gefüllt hast. Auf der ersten steht also der Tag, an dem du angefangen hast. Mehr muss nicht drauf. Die Daten zeigen dir, wie lange das Projekt schon läuft, und sie zeigen dir, dass es vorangeht.

Wenn im Flur kein Platz ist

Wenn der Flur zu schmal ist oder die Kisten dort zur Stolperfalle würden, suchst du dir einen anderen Ort. Das Schlafzimmer, das Wohnzimmer, eine Ecke in der Küche. Wichtig ist: Es muss dich dort stören, darf dich aber im Alltag nicht behindern.

Und es ist überhaupt nicht schlimm, wenn die Kisten auch die anderen im Haushalt stören. Dazu gleich mehr.

Was du schon gemacht hast, bleibt gemacht

Während du dich Stück für Stück durch den Raum arbeitest, kommst du irgendwann an einer Kiste vorbei, die du schon sortiert hast. Und dann kommt der Gedanke: „Ach, das da kann auch noch weg.“

Lass es. Das kann auch in einem halben Jahr noch weg, wenn du mit dem Raum fertig bist.

In deinen Zeitfenstern schaust du auf das, was noch offen ist, und nicht auf das, was du schon geschafft hast. Sonst drehst du dich im Kreis, und der Raum wird nie fertig.

Erst kommt der Raum. Besser machen kannst du ihn später.

Bleib bei diesem einen Projekt

Das gilt auch für alles drumherum. Während du an der Abstellkammer arbeitest, fängst du nicht nebenbei an, die Küche auszumisten, den Kleiderschrank durchzugehen oder die Handtücher neu zu sortieren.

Auch dann nicht, wenn dir beim Aufräumen auffällt, dass dort ebenfalls etwas passieren müsste. Schreib es dir auf und bleib bei dem Raum, an dem du gerade bist. Die Abstellkammer ist dein Projekt, bis sie fertig ist.

Nicht alles in diesem Raum gehört dir

Ein häufiger Grund, warum solche Räume gar nicht erst angegangen werden: Vieles darin gehört nicht dir.

Du hast jede dritte Sache in der Hand und weißt nicht, was damit passieren soll, weil du darüber nicht entscheiden kannst. Woanders hinstellen kannst du sie auch nicht, weil der Platz fehlt. Da liegt der Gedanke nahe: „Wenn wir das nicht zusammen machen, hat es keinen Sinn.“ Und dann passiert gar nichts.

Die Lösung ist eine eigene Tüte oder Kiste. Darauf schreibst du den Namen der Person, der die Sachen deiner Meinung nach gehören. Alles, worüber du nicht entscheiden kannst, kommt dort hinein.

Dann gibst du sie der Person: „Das sind die Sachen, über die ich nicht entscheiden kann. Schau sie bitte durch. Was weg kann, tu weg. Was bleiben soll, stell zu den anderen Kisten, dann räume ich es später mit ein.“

Du versuchst nicht, alles allein zu lösen. Das ist nicht deine Aufgabe.

Und wenn jemand im Haushalt sagt: „Die Kisten stehen hier aber schon lange“, dann ist das kein Vorwurf, den du aushalten musst, sondern ein guter Anlass für ein Gespräch. Ihr wohnt zusammen, ihr habt das zusammen angesammelt, und ihr könnt es auch zusammen wieder rausbringen.

Ein allgemeines „Hilf doch mal mit“ führt allerdings oft dazu, dass sich alle zurückziehen. Dann heißt es schnell: „Das ist ihr Projekt, nicht meins.“

Besser klappt eine konkrete Bitte mit Termin: „Kannst du am Samstag zehn Minuten mit mir die Kiste mit deinen Werkzeugen durchgehen?“

So weiß die andere Person genau, worum es geht und wie lange es dauert. Das ist leichter zuzusagen. Und es macht deutlich, dass die Abstellkammer nicht nur dein Projekt ist, sondern ein gemeinsames.

Wie ihr Aufgaben im Haushalt gemeinsam aufteilen könnt, findest du im Artikel Mental Load bei ADHS: Warum Haushalt mehr ist als Putzen und Aufräumen.

Plane kurze Zeitfenster fest ein

Jetzt kommt der Teil, an dem solche Projekte meistens hängen bleiben: das Weitermachen.

Ich würde deshalb nicht darauf warten, dass irgendwann ein freier Nachmittag kommt. Schau dir stattdessen deine Woche an und such dir feste Zeitfenster. Die müssen nicht jeden Tag zur gleichen Uhrzeit sein. Vielleicht passt es am Montag um 14 Uhr, am Dienstag erst abends um 19 Uhr und am Mittwoch morgens um 8.

Trag dir diese Zeiten in den Kalender ein und stell dir für jede einen Wecker.

Wenn der Wecker klingelt, stellst du dir einen Timer. Wie lange, entscheidest du: fünf Minuten, zehn Minuten, an manchen Tagen auch fünfzehn. Wenn der Timer klingelt, hörst du auf.

Fünf Minuten klingen nach wenig. Aber unterschätz nicht, wie viel du in fünf Minuten schaffst, wenn du in dieser Zeit nichts anderes machst als aussortieren. Und zehn Minuten an fünf Tagen sind fast eine Stunde pro Woche. Das an einem Raum, den du vorher monatelang nicht angefasst hast.

Erzähl jemandem davon

Was zusätzlich hilft: Erzähl jemandem von deinem Projekt. Einer Freundin, einer Nachbarin, einer Bekannten, jemandem aus deiner Familie.

Und bitte sie direkt: „Kannst du mich in zwei oder drei Wochen mal fragen, wie weit ich bin?“

Oder du fragst, ob sie dabei sein möchte: „Ich will meine Abstellkammer angehen, aber allein fällt mir das schwer. Hättest du Lust, mitzumachen? Vielleicht macht es zu zweit sogar Spaß.“

Das kann direkt bei dir sein oder per Videocall, während die andere Person etwas Eigenes erledigt. Das nennt man Body Doubling. Mehr dazu findest du im Artikel Haushalt mit ADHS: So wird dein Haushalt alltagstauglich statt zur Dauerbaustelle.

Der Effekt: Dein Projekt wird verbindlicher. Jemand weiß davon, und wenn die Frage kommt, willst du etwas erzählen können. Das ist ein leichter Druck, aber einer, der dir hilft dranzubleiben. Das gilt auch für die Menschen, mit denen du zusammenwohnst. Sie wissen, dass du das Projekt angefangen hast, und sie sind ein Teil davon.

Zum Schluss: Kategorien zusammenführen

Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem alles, was bleiben soll, vor der Tür steht. Der Raum ist leer oder fast leer.

Erst jetzt lohnt sich der Blick auf die Kategorien. Was gehört zusammen? Gibt es zwei Kisten mit ähnlichen Dingen?

Oft merkst du in diesem Moment, wie viel weggekommen ist. Manche Kategorien sind so klein geworden, dass sie mit einer anderen zusammenpassen. Vielleicht hattest du vorher eine Kiste für AA-Batterien und eine für Knopfzellen. Jetzt reicht eine für beides.

Danach räumst du ein. Wie du dafür sorgst, dass die Ordnung im Alltag bleibt, steht im Artikel Ordnung halten bei ADHS: Wie eine Grundordnung im Alltag funktioniert.

Müll und Aussortiertes kommen sofort raus

Ein Punkt gilt für jeden einzelnen Schritt: Was Müll ist, wird sofort entsorgt. Nicht gesammelt, nicht im Flur geparkt, nicht „beim nächsten Mal mitgenommen“.

Dasselbe gilt für alles, was du spenden oder verschenken möchtest. Ein Gegenstand ist erst ausgemistet, wenn er deine Wohnung verlassen hat. Spendenannahmestellen in deiner Nähe findest du zum Beispiel über wohindamit.org. Und warum „Das verkaufe ich noch“ schnell zum nächsten Projekt wird, steht im Artikel Ausmisten bei ADHS.

Dein Ablauf für einen vollgestellten Raum

  1. Mit einer Mülltüte das Offensichtliche rausholen, ohne etwas auszuräumen.
  2. Die Tür freimachen.
  3. Boden und Wände.
  4. Das Regal Kategorie für Kategorie.
  5. Alles, was bleibt, mit Datum in Kisten an einen Ort, der dich stört.
  6. Sachen von anderen in eine Kiste mit deren Namen.
  7. Zeitfenster in den Kalender, Wecker stellen, Timer auf fünf bis zehn Minuten.
  8. Jemandem davon erzählen.
  9. Am Ende Kategorien zusammenführen und einräumen.
  10. Müll und Aussortiertes sofort raus.

Wenn dir jemand fehlt, der nachfragt

Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt: Das Schwierigste an so einem Raum ist nicht die Methode. Es ist das Weitermachen, Woche für Woche, wenn der Alltag dazwischenkommt.

Genau dafür gibt es mein Cheerleading. Dahinter steckt dasselbe Prinzip wie bei der Freundin, die nachfragt: Jemand weiß, woran du arbeitest, und das macht dein Vorhaben verbindlich. Wir schauen gemeinsam auf deinen Alltag und dein Projekt, deine Aufgaben sind auf deine Zeitfenster zugeschnitten, und ich frage nach: Hast du es gemacht? Wie lief es?

Ob das zu dir passt, finden wir im kostenlosen Erstgespräch heraus.

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