Perfektionismus und Ablenkung beim Aufräumen mit ADHS

Du willst eine Schublade aufräumen und findest darin zehn Dinge, die sofort erledigt werden wollen? So bleibst du beim Aufräumen bei der Sache, gehst mit dem Handy und mit Fundstücken um und lässt „gut genug“ auch gut genug sein.
ablenkung-perfektionismus-aufraeumen-adhs-Taschen

Darum gehts

Die Schublade, die den ganzen Tag frisst

„Ich sehe immer zu viel und will alles direkt machen.“

Das hat mir eine Frau erzählt, die eine einzige Schublade aufräumen wollte. Am Ende war der ganze Tag weg. Nicht, weil die Schublade so groß war, sondern weil darin ständig etwas auftauchte, das sofort erledigt werden wollte: etwas Kaputtes, etwas, das in die Küche gehört, eine Rechnung, die noch offen war.

Ich gebe es offen zu: Ich kenne das auch. Mich lenkt beim Aufräumen genauso vieles ab, allen voran das Handy. Deshalb beschreibe ich hier nicht, wie es im Idealfall laufen sollte, sondern was mir und meinen Kundinnen hilft, bei der Sache zu bleiben.

Was beim Aufräumen alles auftaucht

Sobald du eine Schublade oder ein Fach ausräumst, kommen Dinge zum Vorschein, die jeweils ihre eigene Geschichte haben:

  • Sachen, die in einen anderen Raum gehören.
  • Sachen, die repariert werden müssten.
  • Rücksendungen, Rechnungen, Briefe.
  • Sachen, die jemand anderem gehören.
  • Fragen, die du erst nachschauen müsstest: „Muss ich das aufheben?“

Und jedes davon zieht dich weg von dem, was du dir vorgenommen hattest.

Was seit Monaten liegt, kann auch noch zwei Tage warten

Hier hilft ein nüchterner Blick: Wenn ein Ding seit einem halben Jahr in dieser Schublade liegt, oder auch nur seit zwei Monaten, und du die ganze Zeit nicht daran gedacht hast, dann ist es völlig egal, ob du dich in den nächsten zehn Minuten darum kümmerst oder in den nächsten zwei Tagen.

Es ist nur dein Kopf, der sagt: „Aber jetzt sehe ich es doch, jetzt will ich es auch erledigen.“ Ich kenne den Gedanken. Aber für dich ist das eine Unterbrechung, die oft das Ende der Aktion bedeutet.

Die Ausnahme sind Dinge, an denen Geld hängt. Eine Rücksendung, deren Frist bald abläuft. Eine Rechnung, bei der in einer Woche die Mahnung kommt. Die sind zeitkritisch, das verstehe ich. Aber auch die erledigst du nicht mittendrin. Du legst sie sichtbar zur Seite und kümmerst dich direkt nach deiner Runde darum.

Bleib in der Situation

Das ist für mich der wichtigste Satz in diesem Artikel, und ich muss ihn mir selbst immer wieder sagen: Bleib in der Situation.

Der Ort, an dem du gerade aufräumst, ist dein Anker. Nehmen wir an, du bist im Flur und räumst die Kommode auf, in der deine Schuhe stehen, aber auch noch ganz viel anderes Zeug liegt. Dieses Zeug liegt dort auch schon länger.

Alles, was nicht an diesen Ort gehört, kommt in einen Korb, eine Tüte oder einen Sack neben dir. Welches Gefäß, ist egal. Wichtig ist: Es bleibt erst einmal neben dir stehen.

Du bringst nicht zwischendurch fünf Sachen in den Keller und zwei in die Küche, nur weil sie dir gerade auffallen. Du bleibst an der Kommode und machst sie fertig.

Ich weiß, das ist schwer. Mir fällt es auch schwer. Aber es löst so viel.

Danach steht der Korb mit den Sachen für „andere Orte“ neben dir. Ja, das ist eine neue Baustelle. Aber eine, die du schon erkannt hast und die überschaubar ist. Die kannst du direkt danach angehen oder in deiner nächsten Runde.

Mein Beispiel: die Taschen und die Kugelschreiber

Wie schnell man trotzdem abschweift, habe ich beim Aussortieren meiner Taschen gemerkt.

In den Taschen waren die üblichen Sachen: Taschentücher, Kugelschreiber. Beides hat bei mir einen festen Platz. Also wollte ich die Sachen schnell dorthin bringen, obwohl ich noch gar nicht mit allen Taschen durch war.

Und als ich bei den Kugelschreibern stand, dachte ich: Ach, ich weiß gar nicht mehr, welche davon noch schreiben. Die könnte ich jetzt kurz alle durchtesten.

Klar, das dauert nicht ewig. Aber ich hatte plötzlich ein neues Projekt angefangen, und die Taschen lagen noch halb sortiert im anderen Zimmer.

Heute mache ich es so: Alles, was in den Taschen war, sammle ich an einem Punkt. Erst wenn ich mit allen Taschen fertig bin, schaue ich, was da liegt. Zum Beispiel drei, vier Packungen Taschentücher und drei, vier Kugelschreiber. Die bringe ich dann an ihren Platz. Wenn ich danach noch Zeit habe, teste ich die Kugelschreiber. Und wenn nicht, dann nicht. Meistens muss ich dann sowieso los, einkaufen oder etwas anderes erledigen.

Das Handy gehört in einen anderen Raum

Das größte Ablenkungsthema ist bei mir das Handy.

Ich höre beim Aufräumen fast immer etwas, Musik, einen Podcast oder ein Hörbuch. Trotzdem hilft es mir, wenn das Handy mindestens in einem anderen Raum liegt. Sobald ich es in der Hand habe, passiert es wie automatisch: Ich lande auf Instagram oder TikTok.

Besonders gemein ist das beim Sortieren von Unterlagen. Mir ist es schon passiert, dass ich nachschauen wollte, ob ich ein bestimmtes Dokument als Privatperson aufheben muss. Ich nehme das Handy, suche danach, und ein paar Minuten später bin ich auf TikTok, obwohl ich da überhaupt nicht hinwollte.

Deshalb mein Tipp: Leg dir Stift und Papier neben dich. Jede Frage, die du nachschauen müsstest, schreibst du auf, zum Beispiel unter „Klären“. Das Dokument legst du so lange auf einen eigenen Stapel. Nachgeschaut wird nach der Runde, nicht mittendrin.

Wenn du dein Handy auch sonst schnell öffnest, ohne es zu wollen, findest du ein paar Ideen dazu im Artikel Handy organisieren bei ADHS: Apps, Ordner & Benachrichtigungen im Griff.

Reparieren: Lohnt sich das überhaupt?

Etwas Kaputtes in der Hand zu haben, löst bei vielen sofort den Gedanken aus: Das muss ich reparieren. Hier bin ich ehrlich: Ich repariere fast nie etwas.

Bei Kleidung lohnt es sich für mich meistens nicht. Eine Hose, die im Schritt durchgerieben ist, wäre bei mir auch nach dem Nähen in einem Monat wieder durchgescheuert. Und bis dahin hätte ich jedes Mal ein schlechtes Gefühl, weil sie ja schon einmal gerissen war. Wenn du selbst gut und gerne reparierst und es wirklich machst, bin ich aber die Letzte, die da was dagegen sagt.

Zweimal habe ich etwas extern reparieren lassen: eine Tasche und eine Jacke. Bei der Tasche war ich froh darüber. Bei der Jacke war es völlig unnötig. Kaputt war bei der Jacke der Gürtel, und den hatte ich schon ein Jahr lang nicht mehr benutzt, gerade weil er kaputt war. Nach der Reparatur habe ich ihn genauso wenig benutzt wie vorher.

Dazu kommt: Eine Reparatur ist selten eine einzelne Aufgabe. Foto machen, eine E-Mail schreiben, auf Antwort warten, einschicken, wieder warten. Und weil du dabei auf andere angewiesen bist, kannst du dir dafür auch keine feste Frist setzen.

Deshalb würde ich vor jeder Reparatur ehrlich fragen:

  • Habe ich das Teil vor dem Schaden überhaupt noch benutzt?
  • Würde ich es nach der Reparatur wieder benutzen?
  • Ist es mir den ganzen Ablauf wert, bis es repariert zurück ist?

Wenn die Antworten Ja lauten, kommt das Teil auf einen eigenen Stapel, und du kümmerst dich nach deiner Runde darum. Wenn nicht, darf es gehen.

Perfektionismus: erst alles richtig machen wollen und dann gar nicht anfangen

Perfektionismus ist kein ADHS-Thema. Er kann jeden betreffen. Aber er ist ein weiterer Grund, etwas gar nicht erst anzufangen.

Bei vielen meiner Kundinnen sehe ich ein Muster: Bevor es überhaupt losgeht, soll alles stimmen. Erst das perfekte System planen. Erst passende Boxen und Organizer kaufen, damit es dann gleich richtig wird. Und dann stehen die Boxen im Flur, und die Schublade ist noch genauso voll wie vorher.

Für Ordnung musst du nichts kaufen. Was du schon hast, darfst du nutzen, auch Organizer, die vielleicht schon irgendwo stehen. Und für den Anfang reichen ein Pappkarton oder eine ausrangierte Brotdose völlig. Ob und was du später kaufst, weißt du erst, wenn du ausgemistet hast und siehst, was bleibt.

Gut genug ist, was besser ist als vorher

Ein Satz, der mir sehr geholfen hat und den ich mir selbst immer wieder sage: Es ist gut genug, solange es besser ist als vorher.

Dazu gehört aber auch eine ehrliche Beobachtung: Beim Ordnung schaffen wird es zwischendurch erst einmal schlechter. Wenn du dir zu viel vorgenommen hast und mittendrin aufhören musst, liegt mehr herum als vorher.

Deshalb auch hier: so klein wie möglich. Lieber zwei überschaubare Bereiche, die fertig sind, als ein großer, der halb ausgeräumt herumliegt.

Und leg vorher fest, was am Ende deiner Runde anders sein soll. Zum Beispiel: „Die Schuhe in der Kommode sind sortiert.“ Nicht: „Der Flur ist aufgeräumt.“ Dann weißt du, wann du fertig bist und aufhören darfst.

Wie du große Bereiche in Etappen aufteilst, steht im Artikel Abstellkammer ausmisten bei ADHS: Was tun, wenn du nicht in einem Rutsch fertig wirst?. Und wie du nach einer Unterbrechung wieder reinfindest, im Artikel „Wo war ich?“ So findest du mit ADHS nach einer Unterbrechung wieder in dein Ordnungsprojekt.

Wenn du allein immer wieder abschweifst

Vielleicht weißt du nach diesem Artikel genau, was zu tun wäre: Korb neben dich, Handy raus, Zettel für offene Fragen. Und trotzdem merkst du, dass du dich allein immer wieder verzettelst.

Genau dafür gibt es mein Cheerleading. Wir legen gemeinsam einen Fokusbereich fest, deine Aufgaben sind auf deinen Alltag zugeschnitten und in kurzer Zeit machbar, und ich frage nach: Hast du es gemacht? Wie lief es? So bleibt dein Projekt bei dir im Blick, auch wenn zwischendurch zehn andere Dinge auftauchen.

Ob das zu dir passt, finden wir im kostenlosen Erstgespräch heraus.

Weiterlesen