Halb acht am Abend. Auf dem Boden liegen Bauklötze, zwei Socken und ein halbfertiges Bastelprojekt, auf dem Schreibtisch steht die Brotdose von gestern. Du sagst zum dritten Mal: „Räum jetzt auf.“ Dein Kind sitzt mittendrin und weiß nicht, wo es anfangen soll.
Ich schreibe hier von Müttern, weil ich mit Müttern arbeite. Väter und andere Erziehungsberechtigte sind natürlich genauso gemeint und können genauso mitmachen.
Für viele Kinder ist Aufräumen langweilig, etwas, das gemacht werden muss, fast eine Strafe. Ausmisten finden manche sogar spannend, weil sie dabei entdecken und entscheiden. Aufräumen dagegen kommt jeden Tag wieder.
Genau da liegt ein Denkfehler. Aufräumen ist weder Strafe noch Belohnung. Es gehört zum Leben dazu, wie Zähneputzen oder sich anzuschnallen. Und es macht das Zusammenleben einfacher:
So darfst du auch darüber sprechen. Nicht „Erst räumst du auf, dann darfst du raus“, sondern: „Wir räumen auf, damit du morgen deine Sachen findest und Platz zum Spielen hast.“
Dass Unordnung stresst, ist nicht nur ein Gefühl. Zwei Studien zeigen das ganz gut:
Unordnung und Stress. Forscherinnen der University of California haben Paare gebeten, durch ihr Zuhause zu führen und es zu beschreiben. Frauen, die ihr Zuhause oft als unordentlich oder unfertig beschrieben, hatten im Tagesverlauf ein ungünstigeres Muster des Stresshormons Cortisol und waren häufiger niedergeschlagen. Bei den Männern zeigte sich dieser Zusammenhang nicht. (Saxbe & Repetti, 2010)
Unordnung und Konzentration. Hirnforschende der Princeton University haben gezeigt: Je mehr Dinge gleichzeitig im Blickfeld sind, desto mehr konkurrieren sie im Gehirn um Aufmerksamkeit. Das Gehirn muss sie herausfiltern, und das ermüdet. (Princeton Alumni Weekly über die Forschung von Sabine Kastner)
Beide Studien wurden mit Erwachsenen durchgeführt. Sie zeigen aber eine klare Tendenz: Hinter „Unordnung stresst mich“ steckt mehr als Einbildung.
Wenn es im Rest der Wohnung auch unordentlich ist, fällt es deinem Kind schwerer, sich auf seine eigenen Sachen zu konzentrieren. Erwarte dann nicht, dass es das allein hinbekommt. Hilf mit und erinnere es jeden Tag.
Und sei Vorbild. Du musst dafür nicht perfekt sein, aber dein Kind soll sehen, dass auch du deine Sachen wegräumst. Mehr dazu liest du im Artikel Kinderzimmer ausmisten mit Kindern unter „Fang bei dir an“.
Ab einem bestimmten Alter kannst du das ganz offen sagen: „Wir wollen das als Familie hinbekommen. Ich mache das Gleiche, weil wir wollen, dass es uns allen besser geht.“
Aufräumen klappt umso besser, wenn eine Grundordnung steht. Eine Grundordnung hast du, wenn
Welche Kategorien zu euch passen, ist von Person zu Person sehr unterschiedlich. Für den Anfang helfen die Kategorien, die die meisten von uns kennen: Hosen, Jacken, Teller, Decken, Bettwäsche, Handtücher. Mit der Zeit merkst du, welche davon zu euch passen und welche ihr anpassen wollt. Im Kinderzimmer sind das vielleicht Puppen, Autos, Bastelsachen und Bücher.
Wenn im Kinderzimmer viel zu viele Sachen sind und niemand weiß, wo sie hingehören, wohin soll dein Kind sie dann räumen? Dann wird umgeräumt, nicht aufgeräumt.
Deshalb kommt beim Aufräumen mit Kindern das Ausmisten im besten Fall zuerst. Wie du das gemeinsam mit deinem Kind angehst, liest du im Artikel Kinderzimmer ausmisten mit Kindern.
Wenn ihr schon eine gute Grundordnung habt, könnt ihr direkt mit dem Aufräumen loslegen.
Eine Methode, die auch Erwachsenen sehr hilft, ist ein täglicher Refresh. Am besten gelingt er abends.
Wichtig vorab: Kein Kind kann das sofort. Am Anfang wirst du dabei sein müssen, erinnern, mitmachen und jeden Abend schauen, was gemacht wurde. Es gibt gute Tage und schlechte Tage, und es gibt wenige Tage, an denen alles glattläuft. Deshalb fang klein an, zum Beispiel nur mit dem ersten Punkt.
Das gehört dazu, in dieser Reihenfolge:
Das muss sowieso passieren, entweder abends in Ruhe oder morgens im Stress. Deshalb steht es ganz oben.
Sag dabei nicht: „Pack deine Sachen für morgen.“ Hol dein Kind dort ab, wo es steht: „Du hast morgen Unterricht. Hier ist dein Stundenplan. Schau mal, welche Sachen du dafür brauchst.“ Dein Kind legt die Sachen erst einmal hin. Du schaust, ob nichts fehlt, und dann wird eingepackt. Genauso mit der Kleidung für morgen.
Sprich konkret an, womit dein Kind heute gespielt hat: „Du hast heute gebastelt. Jetzt kommen die Bastelsachen zurück an ihren Platz.“ Oder: „Ihr habt heute mit den Puppen gespielt. Jetzt wollen die Puppen auch schlafen und nach Hause.“
Du kannst den Dingen auch Namen geben. Vielleicht heißt der Traktor Klaus und die Schaufel Linda. „Die Linda ist ja noch auf dem Feld. Willst du sie nicht mit in den Schuppen bringen?“
Boden, Bett, Tisch, Stuhl, Kommode und Schrank: Was dort liegen bleibt, wird gebraucht. Alles andere kommt in den Schrank, in die Kiste oder an seinen Platz.
Kindgerecht und kleinteilig heißt: Du bist am Anfang viel dabei. Das ist anstrengend, und es klappt nicht jeden Tag. Deine Kraft ist auch begrenzt.
Langfristig lohnt es sich trotzdem. Dein Kind lernt etwas, das ihm sein Leben lang hilft, und auch dich entlastet es irgendwann. Gerade jetzt ist es erst einmal mühsam. Aber wie beim Sport gehört Training dazu, wenn es irgendwann klappen soll. Und irgendwann macht dein Kind es, ohne nachzudenken.
Besteck, Gläser, Becher, Flaschen, Brotdosen: Im Kinderzimmer landet vieles, was in die Küche oder in einen anderen Raum gehört.
Stell dafür einen festen Korb ins Kinderzimmer, eine Box oder einen Wäschekorb. Tagsüber sammelt dein Kind dort alles, was nicht in sein Zimmer gehört. Abends, während dein Kind seinen Refresh macht, räumst du den Korb aus.
So bleibt dein Kind in seinem Zimmer bei seiner Aufgabe.
Wenn die Routine langsam sitzt, lass deinem Kind beim Aufräumen etwas Freiheit. Du musst nicht jeden Handgriff kontrollieren. Was gemacht wurde, siehst du hinterher sowieso.
Gut hilft ein Vorher-Nachher-Foto. Das machst am besten du. Dein Kind sieht, was es geschafft hat, und das motiviert. Und du hast einen kleinen Check, ob alles an seinem Platz liegt. Ein kurzer Blick in den Schrank gehört dazu, denn „aufgeräumt“ heißt manchmal auch „unten reingestopft“.
Viele Kinder haben auch Sachen außerhalb ihres Zimmers, zum Beispiel eine Spielecke im Wohnzimmer. Oder sie machen die Hausaufgaben am Küchentisch, weil im Zimmer kein Schreibtisch steht.
Auch dafür ist dein Kind verantwortlich. Diese Sachen werden aber nicht erst abends weggeräumt, sondern sobald sie nicht mehr gebraucht werden. Hausaufgaben fertig? Dann kommen die Hefte direkt in den Schulranzen.
Eine Spielecke im Wohnzimmer braucht dafür Möglichkeiten zum Aufräumen: ein Regal für Bücher, eine Box für Spielsachen.
Aufräumen geht leichter, wenn dein Kind sofort sieht, wo etwas hingehört.
Gerade bei Kindern mit ADHS gilt: Fang klein an und erwarte nicht von heute auf morgen alles.
Am Anfang stehen die Basics, zum Beispiel mit dem Wecker aufstehen, allein Zähne putzen und Haare kämmen. Als Nächstes kommt vielleicht: morgens das Bett aufschlagen und das Fenster öffnen. Erst dann kommt der nächste Schritt.
Aufräumen hilft deinem Kind sehr. Aber wenn die Basics noch nicht klappen, überfordere es nicht.
Probiert stattdessen aus, was deinem Kind liegt. Vielleicht ist Haare kämmen jeden Morgen ein Kampf, aber abends das Bett freiräumen macht deinem Kind gar nichts aus. Dann hilfst du beim Kämmen erst einmal weiter, und dein Kind übernimmt selbstständig das, was ihm leichter fällt. Das erste Erfolgserlebnis ist wichtiger als die Reihenfolge.
Lass dein Kind dabei mitentscheiden, aber mit einer klaren Auswahl: „Welche Aufgabe willst du ab jetzt allein machen: das Bett freiräumen oder die Kleidung für morgen rauslegen?“
Und nutz, was dein Kind gerade mag. Der sechsjährige Sohn einer Kundin macht gern Sachen, die sonst Erwachsene machen, weil er sich dann selbst erwachsen fühlt. Wenn Aufräumen etwas ist, das auch die Erwachsenen machen, kann genau das ein Anreiz sein.
Was dein Kind sehen kann, vergisst es seltener. Häng deshalb eine Routinetafel auf, an die Kinderzimmertür oder dort, wo dein Kind oft vorbeikommt.
Schreib die Schritte kleinteilig auf, zum Beispiel:
Für Kinder, die noch nicht lesen, nimmst du Bilder. Du schaust trotzdem noch einmal drüber, und du erinnerst dein Kind daran, jeden Tag. Die Tafel wächst mit: Kommt ein neuer Schritt dazu, kommt er auch auf die Tafel.
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Nicht jedes Kind ist gleich. Bei manchen macht Ausmisten Spaß und Aufräumen gar nicht, bei anderen ist es umgekehrt. Manche haben Phasen, in denen sie gern aufräumen. Und manche brauchen Ordnung, um sich wohl und sicher zu fühlen.
So war es bei mir. Ich habe als Kind nicht nur gern aufgeräumt, ich habe es gebraucht. Ordnung war meine Art, mit dem Chaos in meinem Kopf umzugehen, mit meinen Gedanken und Gefühlen. Etwas gern machen und etwas brauchen ist ein entscheidender Unterschied.
Wenn dein Kind so tickt, nimm das ernst. Gib ihm einen eigenen Bereich, in dem es selbst bestimmt, wie Ordnung aussieht, und den andere nicht einfach umräumen. Und wenn sich etwas ändert, erklär es ihm vorher.
Routinen brauchen Zeit, oft Monate. Mit ADHS reißen sie schnell wieder ab: Ein krankes Kind, ein voller Monat, und die Routinetafel hängt unbeachtet an der Tür.
Im Cheerleading schauen wir gemeinsam, was bei euch gerade dran ist. Am Anfang steht ein ausführliches Check-in-Gespräch: Was klappt schon? Wo hängt es? Wer macht mit, auch dein Kind? Danach bekommst du Aufgaben, die auf euren Familienalltag zugeschnitten sind und in kurzer Zeit machbar bleiben. Ich hake nach, wie es gelaufen ist.
Vorher gibt es immer ein kostenloses Erstgespräch, in dem wir schauen, ob wir zusammenpassen.
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