In der Stiftedose stecken gefühlt hundert Stifte. Dein Kind will malen. Der erste Filzstift ist trocken, der zweite auch, und der Buntstift ist so kurz, dass ihn niemand mehr halten kann. Fünf Minuten später liegt der halbe Inhalt auf dem Tisch, und das Bild ist vergessen.
Wenn du und dein Kind ADHS habt, sind dir solche Situationen vielleicht bekannt. Dein Kind verliert den Überblick über seine Sachen und du verlierst den Überblick über die Sachen deines Kindes. Deshalb lohnt es sich, das Kinderzimmer gemeinsam auszumisten, Schritt für Schritt.
Ich schreibe hier von Müttern, weil ich mit Müttern arbeite. Väter und andere Erziehungsberechtigte sind natürlich genauso gemeint und können genauso mitmachen.
Die meisten Kinder haben keine Lust aufzuräumen. Aufräumen fühlt sich für sie nach Pflicht an, manchmal sogar nach Strafe.
Ausmisten ist etwas anderes. Dabei wird entdeckt, entschieden und abgegeben. Der sechsjährige Sohn einer Kundin mistet zum Beispiel richtig gern aus. Aufräumen findet er dagegen langweilig.
Diesen Unterschied kannst du nutzen. Wenn du mit deinem Kind ausmistest, geht es nicht darum, dass das Zimmer ordentlich aussieht. Es geht darum, gemeinsam zu entscheiden, was bleiben darf.
Wie Aufräumen im Alltag nicht mehr nach Strafe klingt, liest du im Artikel Aufräumen mit Kindern mit ADHS.
„Wir misten heute dein Zimmer aus“ ist für ein Kind mit ADHS eine riesige, unklare Ansage. Wo fängt das Zimmer an? Wann ist es fertig? Und warum soll es überhaupt etwas hergeben?
Besser ist ein konkretes Ziel, von dem dein Kind selbst etwas hat:
Ein Bereich, ein Ziel, ein klares Ende.
Viele Kinder machen anderen gern eine Freude. Stell deshalb von Anfang an eine Spendenbox dazu. Ein Karton reicht, den dein Kind bemalen oder beschriften darf. Dann heißt es nicht mehr „Das muss weg“, sondern „Das kommt in die Box für ein anderes Kind“.
Jedes Teil, das sichtbar herumsteht, ist ein Reiz. Eine große Auswahl bedeutet viele Entscheidungen: Womit spiele ich? Wo gehört das hin? Wo ist das andere Teil?
Das betrifft dein Kind, und es betrifft dich. Du behältst den Überblick, was wohin gehört, was fehlt und was gerade gesucht wird. Je weniger Sachen im Kinderzimmer sind, desto weniger müsst ihr beide sortieren, suchen und entscheiden.
Das will vielleicht niemand hören, aber es gehört dazu: Bevor du mit deinem Kind ausmistest, mach bei deinen eigenen Sachen den Anfang. Dein Kleiderschrank, das Schlafzimmer, die Küche, der Keller.
Wenn du selbst keine Lust aufs Ausmisten hast und es auch nicht machst, versteht dein Kind nicht, warum es das tun soll. Im schlechtesten Fall lernt es: „Nur ich muss das machen. Mit mir stimmt etwas nicht.“
Regelmäßig ein bisschen reicht, keine Hauruck-Aktionen. Versuche, die zeitlichen Abstände nicht zu lange werden zu lassen. Eventuell zweimal die Woche einen 15-Minuten-Timer für einen kleinen, überschaubaren Bereich. Bitte bedenke: Perfekte Ergebnisse gibt es sowieso nicht. Alles, was besser ist als vorher, ist gut. Dein Kind soll sehen: Mama macht das auch. Gerade Grundschulkinder wollen oft so sein wie ihre Eltern. Dieses Aufblicken kannst du nutzen.
Grundsatz: Über ihre eigenen Sachen entscheiden Kinder selbst.
Auch kleinere Kinder zeigen schon sehr deutlich, was sie mögen und was nicht. Kinder im Vorschulalter kannst du direkt fragen: „Möchtest du das noch haben, oder darf ab jetzt ein anderes Kind damit spielen?“
Kinder entscheiden dabei oft schneller als wir. Sie denken nicht an „Das hat so viel Geld gekostet“, „Das ist doch noch gut“ oder „Vielleicht braucht man das noch“. Häufig sind es die Eltern, die festhalten, weil sie schöne Erinnerungen an ein Spielzeug haben oder es von jemandem geschenkt wurde. Frag dich deshalb ehrlich: Will mein Kind das behalten oder will ich es?
Es gibt aber ein paar Situationen, in denen du als Elternteil eingreifen darfst.
Bastelreste, die überhandnehmen. Kinder, die gern basteln, sammeln Reste. Die sind für ein Projekt eingeplant, das nach einer Woche nicht passiert und auch später nicht mehr zur Sprache kommt. Wenn die Reste überhandnehmen, darfst du einen Teil entsorgen. Vor allem dann, wenn du weißt, dass gleiches oder ähnliches Material nachkommt.
Sachen, die komplett kaputt sind. Wenn das Lieblingsoberteil so zerrissen ist, dass es sich nicht mehr flicken lässt, darfst du sagen: „Du hast es geliebt. Wir machen ein Foto davon, und dann darf es gehen.“
Und es gibt zwei Fälle, in denen du genauer hinschauen solltest.
Vom eigenen Taschengeld gekauft. Kinder kaufen sich selten selbst etwas. Wenn doch, haben sie meist darauf gespart, und die Bindung ist entsprechend stark. Das nimmst du ernst, und trotzdem darfst du ehrlich sein: „Du hast das vor drei Jahren von deinem Geld gekauft. Seitdem hast du zweimal damit gespielt. Möchtest du damit jemand anderem eine Freude machen?“ Die Entscheidung bleibt beim Kind.
Geschenke. Bei Geschenken sind viele Kinder weniger festgelegt als Erwachsene. Anders ist es bei Geschenken, an denen eine Beziehung hängt, zum Beispiel einem Freundschaftsarmband. Für Erwachsene sieht so etwas oft unbedeutend aus. Für viele Kinder ist es aber sehr wichtig, fast schon ein Erinnerungsstück, und darf in den meisten Fällen erst einmal bleiben.
Aber wir reden hier von Kindern. Heute gab es Streit, und das Armband kann weg. Nächste Woche ist die Freundin wieder die beste Freundin, und das Armband soll wieder ans Handgelenk. Auch hier hilft deshalb die Pufferzeit. Anders ist es, wenn du weißt, dass die Freundin schon länger keine Rolle mehr im Leben deines Kindes spielt. Und in den meisten Kindheiten gibt es mehr als ein Freundschaftsarmband. Nicht jedes ist automatisch ein Erinnerungsstück, und irgendwann dürfen auch die abgegriffensten gehen.
Wie lange etwas zum Überlegen bleiben darf, hängt bei mir stark davon ab, worum es geht. Wenn ich vor Ort mit jemandem ausmiste, bin ich rigoroser, weil ich sehe, was alles da ist. Bei Kleidung habe ich selbst eine Parkkiste. Teile, bei denen ich mir unsicher bin, dürfen dort drei bis sechs Monate liegen. Was ich in der Zeit vermisse, hole ich wieder raus. Was drin bleibt, geht weg.
Bei Kleinkindern und Grundschulkindern ist eine Pufferzeit fast immer sinnvoll. Kinder entscheiden oft aus dem Moment heraus. Gerade ist ein neues Spielzeug da, und das bisherige Lieblingsspielzeug „kann weg“. Eine Woche später fehlt es und der Ärger ist groß.
Kinder mit ADHS tun sich damit oft noch schwerer: Eine Entscheidung über den Moment hinaus zu denken, gelingt ihnen häufig später als anderen Kindern. Dafür gibt es ein klares Indiz aus der Hirnforschung. Forschende des US-amerikanischen National Institute of Mental Health haben gezeigt, dass das Gehirn bei ADHS nach einem normalen Muster reift, in manchen Bereichen aber im Schnitt etwa drei Jahre später. Am deutlichsten war die Verzögerung in den vorderen Bereichen des Gehirns, die für Denken, Aufmerksamkeit und Planen wichtig sind. (Quelle: NIH, 2007, Originalstudie: Shaw et al., PNAS 2007)
Wichtig: Das sind Durchschnittswerte. Sie sagen nichts darüber, wie weit dein Kind ist. Jedes Kind entwickelt sich anders, mit und ohne ADHS.
So geht’s:
Dein Kind muss nicht alles gleichzeitig zur Verfügung haben. Ein Teil des Spielzeugs kann in Kisten wandern und wird wöchentlich oder nach Bedarf ausgetauscht.
Das hat zwei Vorteile. Altes Spielzeug wird wieder spannend, weil es wie ein Wiedersehen ist. Und du merkst schnell, was gar nicht mehr ankommt. Das ist dann ein guter Kandidat für die Spendenbox.
Den richtigen Moment zum Ausmisten des Kinderzimmers zu erwischen, ist gar nicht so leicht. Ein guter Anlass sind Tage, an denen sowieso Geschenke kommen: Nikolaus, Weihnachten, Geburtstag, Ostern, Einschulung, Kommunion, Firmung oder Konfirmation.
„Du hast bald Geburtstag. Wollen wir Platz für die neuen Sachen machen?“ Dabei schaut ihr auch, ob noch alles heil ist. Gerade bei Spielen fehlt oft ein Teil, und dann klappt das Spiel nicht mehr oder macht keinen Spaß mehr.
Vor Nikolaus oder Weihnachten könnt ihr das Ausmisten mit dem Wunschzettel verbinden: Bevor der Zettel geschrieben wird, macht ihr eine Bestandsaufnahme. Dann wisst ihr beide, was schon da ist und was wirklich fehlt.
Gut erhaltene Sachen, die dein Kind abgibt, können für ein anderes Kind ein Weihnachtsgeschenk werden. Wenn ihr sie gemeinsam schön verpackt, wird das Abgeben für dein Kind zu etwas Besonderem.
Noch ein Tipp für dich: Gut erhaltene Spiele eignen sich auch als Geschenk für Kindergeburtstage. Wenn deine Kinder gefühlt jede dritte Woche eingeladen sind, musst du nicht jedes Mal ein neues Geschenk kaufen.
Das passt vor allem in zwei Fällen:
Wenn im Kinderzimmer mehr zu tun ist als ein Regal, plant einen Monat zusammen. Schaut gemeinsam auf die Woche: An welchen Tagen hat dein Kind weniger Schule und keine Termine am Nachmittag? An diesen Tagen macht ihr jeweils eine Viertelstunde.
Schreibt genau auf, was ihr an welchem Tag macht. Zum Beispiel acht Termine im November, an jedem Termin ein bestimmter Bereich. Das ist euer gemeinsamer Plan, und an den haltet ihr euch.
Vielleicht seid ihr am Ende des Monats noch nicht fertig und braucht eine zweite oder dritte Runde. Die Belohnung gibt es trotzdem. Sie hängt daran, dass ihr alle Termine durchgezogen habt, nicht daran, dass alles erledigt ist.
Denk bei der Belohnung auch an dich. Ihr habt beide ADHS, und beide Gehirne wollen etwas davon haben. Für dein Kind ist ein Ausflug in den Freizeitpark vielleicht das Größte. Für dich ist so ein Tag vielleicht eher anstrengend als entspannend. Dann fährt zum Beispiel der andere Elternteil, die Oma oder eine Freundin mit deinem Kind hin, und du hast frei, gehst mit deinen Freundinnen essen oder machst etwas für dich. Wenn dir der Freizeitpark auch Spaß macht, umso besser.
Der Plan ist also nicht nur für dein Kind. Wenn dein Kind sich auf seine Belohnung freut, zieht es dich mit. Ihr haltet euch gegenseitig motiviert.
Noch besser wird es, wenn du anderen davon erzählst. Vielleicht hast du eine Freundin, die selbst ADHS hat, oder du kennst eine Mutter aus der Kita-Gruppe: „Ich miste diesen Monat mit meinem Kind aus. Hast du das auch auf dem Zettel? Wollen wir das zusammen machen?“ Ihr müsst nicht gleichzeitig ausmisten. Es reicht, wenn ihr im gleichen Zeitraum dran seid und euch zwischendurch erzählt, wie es läuft. Eine Art Buddy-Doubling.
Wenn dein Kind keine zweite Runde will und sagt „Das schaffe ich jetzt allein“, hatte eine Kundin dafür eine schöne Idee: Dein Kind würfelt jeden Tag eine Zahl zwischen 1 und 30. Dafür gibt es Würfel mit mehr als sechs Seiten, oder ihr nehmt einen Zufallsgenerator. Die gewürfelte Zahl sind die Minuten, die dein Kind an diesem Tag etwas in seinem Zimmer macht. Mal sind es zwei, mal dreizehn Minuten.
Das reicht meistens nicht für einen ganzen Bereich. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass dein Kind jeden Tag etwas macht und sich so Stück für Stück eine eigene Routine aufbaut. Erinnern musst du es trotzdem, und zwar immer wieder. Wie ihr Routinen Schritt für Schritt aufbaut, liest du im Artikel Aufräumen mit Kindern mit ADHS.
Erst einmal: Nicht jedes Kind hat ADHS. Und jedes Kind bekommt sein eigenes Projekt zu seinem eigenen Zeitpunkt.
Fang nicht an, mit allen Kindern parallel auszumisten, montags und mittwochs mit dem einen, dienstags und donnerstags mit dem anderen. Du bist keine Maschine. Du hast ADHS, du hast eigene Bereiche, um die du dich kümmern willst, und du musst auf deine Kräfte achten.
Deshalb gilt: ein Kind nach dem anderen.
So kommt jedes Kind zum Beispiel etwa alle drei Monate einmal mit einer größeren Ausmistaktion im Kinderzimmer dran. Kleidung läuft davon unabhängig, mehr dazu im Artikel Kinderkleidung ausmisten und organisieren.
Und wenn du merkst, dass das so nicht klappt? Vielleicht hältst du es mit einem Kind gut am Laufen und mit dem anderen nicht. Dann schau, wer dir die Aufgabe abnehmen kann: der Vater, eine Freundin, deine Mutter oder eine andere Person, die bei der Erziehung mit dabei ist. Vielleicht hat sie sogar Spaß daran und kommt bei deinem Kind manchmal leichter an. Das ist ganz normal und keine Niederlage, sondern eine gute Aufteilung. Und nicht zu unterschätzen sind auch ältere Geschwister, die schon eigene Routinen aufgebaut haben und mit gutem Beispiel vorangehen.
Wie bei jedem Ausmisten gilt: Überlegt früh, wohin die Sachen gehen. Sonst steht die Spendenbox drei Monate im Flur.
Und dann: Mach es auch. Genau wie beim Monatsplan bekommt jeder Schritt einen eigenen Kalendereintrag. Ins Tierheim fahren, die Spende beim Roten Kreuz abgeben, die Bücher bei Momox einstellen, das Paket zur Post bringen: Jeder Schritt ist ein eigener Termin. Sonst geht es im Alltag unter.
Ausmisten bringt wenig, wenn in drei Monaten alles wieder voll ist. Deshalb lohnt sich der Blick darauf, was überhaupt reinkommt.
Manche Familien schenken zu Geburtstag und Weihnachten je ein Geschenk, und bei den vielen kleineren Anlässen gibt es etwas mehr Taschengeld. Bei großen Festen wie der Kommunion kann sich dein Kind einen Geldbetrag wünschen und das allen sagen, die fragen. Das verhindert auch, dass das gleiche Geschenk zwei- oder dreimal kommt, weil sich niemand abgesprochen hat.
Und manche Anlässe lassen sich ganz ohne Dinge feiern. Zeugnisübergabe? Dann geht ihr an dem Tag ins Schwimmbad oder es gibt das Lieblingsessen. Kinder mit ADHS haben oft tolle Ideen, was man stattdessen machen kann. Ich war in den Grundschuljahren zur Zeugnisübergabe immer mit meiner Mama, meiner besten Freundin und ihrer Mama essen. Darauf habe ich mich jedes Mal gefreut, auch wenn das Zeugnis selbst nie wirklich ein Grund zur Freude war. Gefeiert wurde der Tag, nicht die Noten.
Für Ordnung im Kinderzimmer musst du nichts kaufen. Nutz, was da ist: Ein Schuhkarton wird zur Box für Unterhosen. Die Kisten, die dein Kind in der Kita gebastelt hat, sind Aufbewahrung für Kleinkram.
Und wenn du doch etwas kaufst, dann so, dass es passt.
Erst messen. Leg Backpapier oder Zeitungspapier in das Fach oder Regal, zeichne die Maße an und nimm das Papier mit in den Laden. Denk dabei an die Tür und das Scharnier. Sonst passt die Box zwar ins Regal, aber die Tür geht nicht mehr zu.
Das richtige Material. Im Kinderzimmer ist Kunststoff meist die beste Wahl. Holz kann splittern, und Glas kann kaputtgehen. Stoffboxen sehen schön aus, lassen sich aber selten waschen. Achte auf etwas dickeren Kunststoff ohne scharfe Kanten, am besten mit abgerundeten Ecken.
Was zu deinem Kind passt. Mit oder ohne Deckel, durchsichtig, milchig oder farbig: Überleg nicht, was dir am besten gefällt, sondern wie dein Kind tickt. Manche Kinder wollen alles sehen. Andere sind ruhiger, wenn sie nur Umrisse oder Farben erkennen.
Der Plan steht, dein Kind ist in der ersten Woche begeistert. Dann kommt ein Arzttermin dazwischen, das Kind wird krank, und die Spendenbox steht wieder im Flur.
Genau dafür gibt es mein Cheerleading. Am Anfang steht ein ausführliches Check-in-Gespräch: Was hat bei euch schon geklappt? Wo hängst du fest? Welcher Bereich ist gerade dran? Und wer macht mit, auch dein Kind? Danach bekommst du Aufgaben, die auf euren Familienalltag zugeschnitten sind und in kurzer Zeit machbar bleiben. Ich hake nach, wie es gelaufen ist.
Ich bin dabei die Trainerin am Streckenrand. Laufen musst du selbst, und dein Kind läuft mit.
Vorher gibt es immer ein kostenloses Erstgespräch. Darin schauen wir, ob wir zusammenpassen.
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