Vielleicht kennst du das: In einer Schublade liegen lose Fotos, irgendwo steht eine Kiste mit alten Abzügen und im Schrank stehen Fotoalben, die seit Jahren niemand mehr geöffnet hat.
Bei digitalen Fotos ist das Vorgehen oft klarer: löschen, was doppelt, unscharf oder nicht mehr wichtig ist. Bei Papierfotos fühlt sich das oft ganz anders an.
Und das hat einen guten Grund: Ein Papierfoto kann eine ganz andere Bedeutung haben als ein digitales Bild. Vor allem bei alten analogen Fotos gibt es möglicherweise keine zweite Version. Wenn du den Abzug wegwirfst, ist genau dieses Bild vielleicht für immer weg.
Deshalb würde ich beim Aussortieren von Papierfotos deutlich vorsichtiger vorgehen als bei digitalen Fotos.
Und ich möchte direkt dazusagen: Ich selbst biete keine physische Fotoordnung für Kund*innen an. Bei digitalen Fotos unterstütze ich dich sehr gerne dabei, Ordnung zu schaffen.
Dieser Artikel soll dir deshalb vor allem dabei helfen, das Thema mit einem ADHS-Blick zu betrachten und einen Weg zu finden, der für dich machbar ist.
Nicht jedes Papierfoto ist gleich wertvoll.
Ein ausgedrucktes Urlaubsfoto von vor zehn Jahren, das du damals einfach schön fandest, kann heute eine von mehreren Kopien sein. Vielleicht hast du das gleiche Bild noch auf deinem Handy, auf dem Computer oder in deiner Cloud.
Ein Foto aus einem analogen Film kann dagegen einmalig sein. Es gibt kein Original auf dem Smartphone und keine digitale Sicherung, auf die du im Zweifel zurückgreifen kannst.
Genau deshalb würde ich zunächst unterscheiden:
Ist das Papierfoto die einzige Version dieses Bildes? Oder existiert es auch digital?
Diese Frage verändert die Entscheidung enorm.
Bei meinen eigenen Papierfotos war das beispielsweise relativ einfach. Ich hatte über die Jahre immer wieder Bilder ausdrucken lassen, um sie unter anderem an Magnetwänden aufzuhängen. Darunter waren Urlaubsbilder, Pflanzen und andere dekorative Fotos, aber natürlich auch Bilder von Freund*innen und Familie.
Mit der Zeit sind viele dieser Bilder ausgeblichen. Gerade an den Stellen, an denen die Magnete auf den Fotos lagen, konnte man den Unterschied deutlich sehen. Für mich war die Entscheidung deshalb relativ leicht: Wenn mir ein Bild nicht besonders wichtig war, es inzwischen deutlich ausgeblichen war, habe ich den Papierabzug aussortiert.
Das ist aber eine ganz andere Ausgangslage als bei einem Foto, von dem es keine andere Version gibt.
Früher war Fotografieren eine ganz andere Entscheidung als heute.
Wenn du mit einer analogen Kamera unterwegs warst, hattest du vielleicht 24 oder 36 Bilder auf einem Film. Wenn nur noch drei Aufnahmen übrig waren, hast du dir durchaus überlegt, ob dieses eine Motiv wirklich noch fotografiert werden muss.
Fotografieren war also automatisch begrenzter.
Und die Fotos, die anschließend entwickelt wurden, waren das Ergebnis dieser begrenzten Auswahl.
Das sollte man meiner Meinung nach bei der heutigen Diskussion über „zu viele Fotos“ nicht vergessen.
Wenn du einen Stapel analoger Fotos vor dir hast, würde ich deshalb nicht mit der gleichen Konsequenz vorgehen wie bei 5.000 Handyfotos. Ein unscharfes Foto, ein doppeltes Motiv oder ein Bild, das dir heute nicht mehr besonders gut gefällt, kann trotzdem eine Bedeutung haben.
Vor allem bei Fotos, die noch keine digitale Sicherung haben, würde ich sehr genau überlegen, bevor etwas im physischen Papierkorb landet.
Gerade wenn du ADHS hast, kann ein großer Stapel Fotos schnell zu einem ziemlich unüberschaubaren Projekt werden.
Deshalb würde ich nicht versuchen, sofort jedes einzelne Foto perfekt zu sortieren.
Schau dir zunächst an, was überhaupt da ist.
Liegen die Fotos lose in Umschlägen? Gibt es mehrere Kisten? Gibt es Fotoalben? Gibt es Bilder, die noch gerahmt oder irgendwo aufgehängt sind?
Wenn du sehr viele Fotos hast, kannst du zunächst grob nach Zeiträumen sortieren. Bei analogen Fotos ist das häufig einfacher als bei digitalen Bildern, weil auf vielen Abzügen oder Umschlägen zumindest ungefähr nachvollziehbar ist, wann sie entstanden oder entwickelt wurden.
Du musst dabei nicht sofort wissen, ob ein Foto zu 1987, 1988 oder 1989 gehört. Eine grobe Sortierung nach Jahrzehnten kann für den Anfang vollkommen ausreichen.
Danach kannst du entscheiden, ob für dich eher Jahre, Personen, Orte oder bestimmte Ereignisse sinnvoll zum Sortieren sind.
Wie auch bei digitalen Fotos gibt es hier kein Ordnungssystem, das für alle Menschen funktioniert. Wenn dein Gehirn besser nach Personen sucht, kann eine Sortierung nach Personen sinnvoller sein. Wenn du dich eher an Reisen und Orte erinnerst, kann eine Sortierung danach besser funktionieren.
Ich persönlich würde bei analogen Fotos eher mit Jahren beziehungsweise Zeiträumen anfangen, weil sich dadurch viele Bilder schon recht einfach zusammenfassen lassen. Aber das ist eine persönliche Vorliebe und kein allgemeingültiges System.
Wenn du dich ans eigentliche Aussortieren machst, würde ich bei Papierfotos deutlich konservativer entscheiden.
Natürlich gibt es auch hier Bilder, die offensichtlich nicht mehr gebraucht werden. Mehrere fast identische Aufnahmen von einem Ereignis können beispielsweise reduziert werden. Auch sehr schlechte oder stark beschädigte Abzüge können Kandidat*innen fürs Aussortieren sein.
Aber die Frage sollte nicht nur lauten: „Ist das ein schönes Foto?“
Sondern eher: „Möchte ich genau dieses Foto behalten – und warum?“
Bei meinen eigenen Fotos habe ich beispielsweise zunächst sehr grob unterschieden: Was sind Bilder mit Menschen und Erinnerungen, und was sind eher dekorative Bilder?
Die dekorativen Bilder konnte ich relativ leicht aussortieren. Bei den Fotos von Freund*innen und Familie habe ich anschließend noch einmal genauer geschaut, welche davon für mich wirklich ausgedruckt wichtig sind.
Bei einem Foto, das du digital ohnehin schon hast, kann die Entscheidung ebenfalls leichter fallen. Der Papierabzug ist dann nicht mehr die einzige Möglichkeit, diese Erinnerung zu bewahren.
Bei einem einmaligen analogen Foto würde ich dagegen viel vorsichtiger sein.
Gerade bei emotionalen Dingen finde ich eine Entscheidung „jetzt sofort“ nicht immer sinnvoll.
Du kannst dir deshalb einen eigenen Stapel für Fotos anlegen, bei denen du noch unsicher bist. Versuche diesen aber wirklich so klein wie möglich zu halten.
Das bedeutet aber nicht, dass dieser Stapel anschließend für immer irgendwo liegen muss. Gerade bei ADHS kann ein „Vielleicht“-Stapel sonst schnell zu einem weiteren vergessenen Projekt werden.
Setz dir deshalb lieber einen konkreten Zeitpunkt.
Vielleicht schaust du in einer Woche noch einmal darauf. Vielleicht in zwei Tagen. Vielleicht erst in sechs Monaten.
Wenn du weißt, dass du Dinge gerne schnell abschließt, würde ich die Frist eher kurz halten. Wichtig ist nur, dass du überhaupt eine Entscheidung für später einplanst.
Denn manchmal braucht man einfach ein bisschen Zeit, um sich mit einer Erinnerung auseinanderzusetzen. Setze dir also direkt eine Erinnerung im Handy, dass du den Vielleicht-Stapel nochmal durchschaust und wirklich eine Entscheidung triffst.
Beim Aussortieren kann noch etwas anderes passieren: Du findest Fotos, die du selbst nicht behalten möchtest, die für jemand anderen aber sehr wertvoll sein könnten.
Vielleicht hast du damals auf einer Feier fotografiert und bist selbst auf keinem der Bilder zu sehen. Vielleicht zeigen die Fotos Menschen, zu denen du heute keinen Kontakt mehr hast. Oder du findest Bilder von Personen, die inzwischen verstorben sind.
Dann kann die Frage sein: „Muss ich dieses Foto wirklich behalten, damit die Erinnerung erhalten bleibt – oder gibt es jemanden, für den dieses Bild viel wichtiger wäre?“
Gerade bei analogen Fotos kann das interessant sein, weil früher nicht automatisch jede Aufnahme mit allen Beteiligten geteilt wurde. Ein Abzug konnte tatsächlich die einzige Version sein, die eine andere Person von einem bestimmten Moment besitzt.
Vielleicht kannst du ein solches Foto verschenken.
Wenn du selbst unsicher bist, kannst du es vorher digitalisieren. So bleibt die Erinnerung für dich erhalten, während das Papierfoto zu jemandem gehen kann, für den es eine größere Bedeutung hat.
Bei Fotos aus einem Album würde ich dabei allerdings besonders vorsichtig sein. Wenn einzelne Bilder für eine andere Person wichtig sind, kann man natürlich überlegen, ob man sie herausnimmt. Das sollte dann aber eine bewusste Entscheidung sein, denn damit veränderst du auch das Album selbst.
Bei einem losen Foto kannst du relativ einfach entscheiden: behalten, verschenken oder aussortieren.
Wenn du in einem Album zehn Fotos behalten möchtest und fünf nicht mehr, bedeutet das nicht automatisch, dass du fünf Bilder herausreißen solltest. Das Album selbst kann eine Erinnerung sein. Vielleicht stehen daneben noch handschriftliche Notizen, es gibt eine bestimmte Reihenfolge oder die Seiten erzählen gemeinsam eine Geschichte.
Und vor allem: Wenn du die Hälfte der Bilder entfernst, hast du dadurch nicht unbedingt Platz gewonnen. Das Buch bleibt schließlich trotzdem ein Buch.
Deshalb würde ich bei Fotoalben sehr genau überlegen, ob das Herausnehmen einzelner Fotos überhaupt einen sinnvollen Effekt hat.
Wenn du ein Album digitalisieren möchtest, kann es sinnvoller sein, die Seiten als Ganzes zu digitalisieren, statt das Album auseinanderzunehmen. So bleibt die ursprüngliche Zusammenstellung erhalten.
Bei wirklich alten analogen Fotos würde ich Digitalisierung grundsätzlich ernsthaft in Betracht ziehen.
Papierfotos sind äußeren Einflüssen ausgesetzt. Feuchtigkeit, Hitze, Wasser, Feuer oder andere Schäden können dazu führen, dass Fotos irgendwann nicht mehr in dem Zustand sind, in dem du sie heute noch hast.
Und natürlich werden Fotos, die teilweise seit Jahrzehnten existieren, mit der Zeit nicht besser.
Digitalisierung kann deshalb eine zusätzliche Sicherung sein. Sie kann aber auch eine Möglichkeit sein, Erinnerungen einfacher mit anderen Menschen zu teilen.
Wie du digitalisierst, hängt davon ab, wie viele Fotos du hast und in welcher Form sie vorliegen. Für eine kleine Anzahl ausgewählter Bilder kann eine einfache digitale Lösung ausreichen. Bei größeren Mengen kann ein Scanner sinnvoll sein. Es gibt außerdem professionelle Möglichkeiten, bei denen du die Arbeit abgibst.
Dabei würde ich auch überlegen, ob du deine Fotos wirklich verschicken möchtest. Wenn du sie für eine Digitalisierung an einen Dienstleister gibst, verlassen die Originale zumindest vorübergehend deine Hände. Auch das ist eine Entscheidung, die bei einmaligen Erinnerungsstücken berücksichtigt werden sollte.
Und natürlich gilt auch hier: Wenn du Fotos digitalisiert hast, ist damit die digitale Ordnung noch nicht erledigt.
Wenn du danach plötzlich mehrere hundert oder tausend neue Dateien hast, solltest du dir überlegen, wo diese Bilder gespeichert werden und wie du sie wiederfindest.
Wie du deine digitalen Fotos sinnvoll strukturierst, habe ich deshalb in diesem Artikel genauer beschrieben: Digitale Fotos organisieren bei ADHS: Welche Struktur passt wirklich zu dir?
Und wenn du merkst, dass du digital noch einen riesigen Berg vor dir hast und gar nicht weißt, wo du anfangen sollst, kannst du mit dem ersten Artikel der Serie beginnen: Fotos sortieren bei ADHS: Wie du überhaupt anfangen kannst
Wenn du dir schon die Arbeit machst, deine Papierfotos zu sortieren, würde ich sie anschließend nicht einfach wieder an unterschiedliche Orte verteilen.
Überlege dir einen festen Aufbewahrungsort.
Das können Fotoalben sein, Umschläge oder geeignete Fotokisten. Wichtig ist vor allem, dass du weißt, wo du die Fotos aufbewahren möchtest und sie dort auch langfristig geschützt sind.
Bei transparenten Kunststoffboxen wäre ich persönlich bei ausgedruckten Fotos vorsichtig. Gerade wenn die Fotos über längere Zeit Licht ausgesetzt sind, kann das wieder zum Problem werden.
Auch bei meinen eigenen Fotos habe ich gemerkt, dass lose Bilder in Umschlägen mit der Zeit aneinanderkleben können. Wenn du ältere Fotos aufbewahrst, kann es deshalb sinnvoll sein, sie voneinander zu trennen, beispielsweise mit geeignetem Trennpapier.
Wie genau du deine Fotos anschließend sortierst, ist wiederum deine Entscheidung. Du kannst nach Jahren, Personen, Ereignissen oder anderen Kategorien arbeiten.
Wichtig ist vor allem, dass die Ordnung für dich nachvollziehbar bleibt.
Gerade bei Papierfotos muss Ordnung nicht unbedingt bedeuten, dass du alleine stundenlang vor einem Stapel sitzt.
Fotos erzählen Geschichten.
Vielleicht kannst du ein solches Projekt gemeinsam mit deiner Familie machen. Du findest beispielsweise Bilder aus der Kindheit deiner Kinder und kannst sie gemeinsam anschauen. Dabei kannst du erzählen, was damals passiert ist, an das sich andere vielleicht gar nicht mehr erinnern.
Oder du hast viele Fotos mit einer bestimmten Person und ihr macht daraus gemeinsam einen gemütlichen Nachmittag. Besonders toll im Herbst und Winter, wenn man gerne unter einer Decke liegt und die Fotoalben gemeinsam durchblättert.
Solche Events können gerade bei ADHS hilfreich sein, weil aus einer abstrakten Sortieraufgabe plötzlich etwas Konkretes und Soziales wird.
Und vielleicht entsteht am Ende sogar ein richtiges Fotoalbum.
Wenn du lose Fotos hast, die du behalten möchtest, kann das ein schöner Abschluss sein: nicht nur aussortieren, sondern die Fotos anschließend auch wirklich an einen festen Ort bringen.
Dann ist das Projekt nicht einfach „weniger Chaos“, sondern du hast etwas geschaffen, auf das du später tatsächlich zurückgreifen kannst.
Eigentlich ziemlich viel.
Ein großer Stapel Fotos bedeutet nicht nur viele Gegenstände. Er bedeutet auch viele Entscheidungen, viele Erinnerungen und viele Möglichkeiten, sich zwischendurch völlig in Geschichten zu verlieren.
Vielleicht möchtest du eigentlich nur einen Umschlag sortieren und findest plötzlich ein Foto, das dich an einen Urlaub erinnert. Dann suchst du vielleicht noch drei weitere Fotos davon. Danach holst du dein Handy heraus, schaust die digitale Version an und plötzlich ist aus dem Sortierprojekt ein kompletter Nachmittag geworden.
Deshalb darfst du auch bei Papierfotos in kleinen Einheiten arbeiten.
Du musst nicht alle Fotos auf einmal erledigen. Du kannst dir einen Zeitraum, eine Person oder einen einzelnen Umschlag vornehmen.
Vielleicht hast du jetzt Lust bekommen, deine Papierfotos endlich einmal anzugehen. Dann würde ich dir trotzdem nicht empfehlen, daraus direkt ein riesiges Wochenendprojekt zu machen.
Nimm dir einen kleinen Bereich vor und schau erst einmal, was da ist. Es ist meistens mehr, als du denkst.
Unterscheide zwischen Fotos, die du digital ohnehin hast, und Bildern, die einmalig sind. Bei analogen Originalen darfst du vorsichtig sein.
Und wenn du unsicher bist, darf ein Foto auch erst einmal bleiben.
Deine Fotos erzählen deine Geschichte – und deshalb darf dein Umgang damit auch anders aussehen.
Wenn du merkst, dass du bei solchen Ordnungsprojekten immer wieder an der gleichen Stelle hängen bleibst, kannst du dir außerdem Unterstützung holen. Im Cheerleading können wir gemeinsam schauen, wo dein persönlicher Engpass liegt und wie du Schritt für Schritt eine Ordnung entwickelst, die zu deinem Alltag und deiner Art zu denken passt.
Ein Einstieg ins Fotosortieren, wenn du nicht weißt, wo du überhaupt anfangen sollst.
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