Darum geht’s:
Wenn du noch vor dem eigentlichen Aussortieren stehst und gar nicht weißt, wo du anfangen sollst, schau dir zuerst meinen Artikel „Fotos sortieren bei ADHS: Wie du überhaupt anfangen kannst“ an. Dort geht es genau um diesen ersten Schritt.
Falls du deine Fotos schon aussortiert hast, kommt die nächste Frage:
Wohin damit?
Und genau an dieser Stelle wird es schnell kompliziert. Denn jetzt könntest du theoretisch anfangen, Ordner anzulegen, Unterordner zu erstellen, Jahreszahlen einzutragen und dir ein ausgeklügeltes System zu überlegen.
Das musst du aber nicht.
Denn es gibt nicht die eine richtige Art, digitale Fotos zu organisieren.
Was für eine Person wunderbar funktioniert, kann für eine andere völlig unbrauchbar sein. Und gerade wenn du ADHS hast, bringt dir ein System wenig, das zwar auf dem Papier logisch aussieht, du im Alltag aber nicht benutzt.
Deshalb würde ich immer mit einer anderen Frage anfangen:
Wonach würdest du deine Fotos später suchen?
Bevor du einen einzigen Ordner anlegst, überleg dir:
Wenn ich in einem Jahr ein bestimmtes Foto suche – wonach würde ich suchen?
Vielleicht weißt du noch genau, wann etwas passiert ist. Dann kann eine Sortierung nach Jahr oder Monat für dich sinnvoll sein.
Vielleicht erinnerst du dich eher daran, wo du warst. Dann kann der Ort die wichtigere Information sein.
Vielleicht hast du sehr viele Fotos von bestimmten Menschen und suchst später meistens nach einer Person.
Oder du denkst eher in Anlässen: Geburtstag, Hochzeit, Konzert, Weihnachten, Fastnacht, Umzug.
Es kann auch sein, dass du deine Fotos gar nicht nach einem klassischen Ordnungssystem suchst. Vielleicht gibt es bei dir bestimmte Begriffe, die du mit den Fotos verbindest und die für dich sofort funktionieren.
Das klingt vielleicht erst einmal unordentlich. Muss es aber überhaupt nicht sein.
Ich hatte zum Beispiel früher Ordner mit Namen wie „Bambi“, „Beine“, „Bestie“ oder „BlackBeauty“.
Für jemanden, der diese Ordner heute zum ersten Mal sehen würde, wäre vermutlich überhaupt nicht klar, was darin steckt.
Für mich schon.
Diese Begriffe waren damals mit bestimmten Bildern und Situationen verbunden. Und obwohl diese Fotos teilweise schon mehr als 15 Jahre alt sind, weiß ich noch heute, welche Bilder sich dahinter verbergen.
Warum sollte ich diese Ordner also umbenennen?
Nur damit sie für jemand anderen logisch aussehen?
Das wäre für mich keine bessere Ordnung.
Wenn du nach zehn Jahren noch weißt, was sich in einem Ordner namens „Bambi“ befindet, dann darf der Ordner auch „Bambi“ heißen.
Deine Fotos müssen nicht alle gleich organisiert sein
Ein häufiger Gedanke bei Ordnung ist: Wenn ich ein System habe, muss dieses System überall gleich funktionieren.
Bei digitalen Fotos sehe ich das anders.
Du kannst verschiedene Bereiche deiner Fotosammlung ganz unterschiedlich organisieren.
Bei mir ist das tatsächlich so.
Meine Handybilder sind nach Jahr und Monat sortiert.
Fotos von Familie und Freund*innen habe ich nach Personen sortiert.
Meine Urlaubsfotos sind nach Orten sortiert. Die Jahreszahl steht dabei zwar im Ordnernamen, aber eher als zusätzliche Information. Ich suche meine Urlaubsfotos normalerweise nicht danach, in welchem Jahr ich irgendwo war. Ich weiß eher noch, dass ich dort war.
Meine Arbeitsfotos sind nach Arbeitsstellen und teilweise zusätzlich nach Jahren sortiert.
Fotos von meiner Wohnung sind wiederum nach Jahren sortiert.
Und das ist vollkommen in Ordnung.
Ich muss nicht für alle diese Bereiche dasselbe System verwenden.
Warum auch?
Meine Fotos haben unterschiedliche Zwecke und ich suche sie auf unterschiedliche Weise.
Du darfst deine Fotos so organisieren, wie es für die jeweilige Art von Fotos sinnvoll ist.
Wenn du gar nicht weißt, wonach du später suchen wirst
Vielleicht sitzt du jetzt aber da und denkst:
„Keine Ahnung. Ich weiß überhaupt nicht, wonach ich später suchen würde.“
Dann würde ich nicht versuchen, irgendein besonders kreatives Ordnungssystem zu erfinden.
Mach es dir einfach.
Eine einfache Grundstruktur aus verständlichen Informationen funktioniert meistens besser als ein kompliziertes System, das du dir erst merken musst.
Bei Urlauben könnte das zum Beispiel sein:
Urlaub → Ort_Jahr
Also beispielsweise: Urlaub → Madeira_2026
Oder du schreibst direkt: Madeira_Mai_2026
Bei Personen kann es beispielsweise der Name und das Jahr sein. [Jessica_2026]
Bei einer Wohnung könnte es der Ort und das Jahr sein. [Wohnung_Lampertheim_2026]
Aber auch das sind nur Beispiele.
Wenn du bei deinen Fotos feststellst, dass ein anderes Wort für dich viel sinnvoller ist, nimm dieses Wort.
Es geht nicht darum, dass jemand anderes deine Ordnerstruktur versteht.
Es geht darum, dass du sie verstehst.
Schau dir an, was bereits da ist
Wenn du schon eine Ordnerstruktur hast, würde ich nicht einfach alles löschen und von vorne anfangen.
Schau dir erst einmal an, was bereits funktioniert.
Welche Kategorien gibt es?
Findest du deine Fotos damit wieder?
Sind die Namen für dich verständlich?
Gibt es Ordner, die du seit Jahren benutzt und die eigentlich gut funktionieren?
Dann lass sie.
Vielleicht hast du aber auch eine Struktur, die vor zehn Jahren sinnvoll war und heute überhaupt nicht mehr zu deinem Leben passt.
Auch das ist völlig normal.
Vielleicht hast du früher sehr viel mit einer Kamera fotografiert und hattest deshalb einen großen Bereich für deine Kamerabilder.
Heute fotografierst du fast nur noch mit dem Handy.
Dann stellt sich die Frage: Brauchst du diesen Bereich überhaupt noch?
Oder ist Fotografieren mittlerweile wieder ein wichtiges Hobby geworden und du möchtest deine Kamerafotos wieder anders organisieren?
Eine Struktur darf sich verändern.
Deine Fotosammlung ist nicht statisch. Dein Leben verändert sich – und deine Ordnung darf sich mitverändern.
Du brauchst nicht für jedes Foto die perfekte Kategorie
Ein Foto kann natürlich zu mehreren Kategorien passen.
Du warst zum Beispiel mit deiner Familie im Urlaub.
Das Foto könnte also unter „Familie“ liegen. Oder unter „Urlaub“. Oder unter dem Namen des Ortes. Oder sogar unter einer bestimmten Person.
Du musst es aber nicht dreimal speichern.
Ich würde mich für eine Kategorie entscheiden.
Bei mir hätte in diesem Fall der Urlaub Vorrang. Wenn das Foto in meinen Urlaubsordner gehört, lege ich es dort ab.
Wenn ich mit fünf Freund*innen auf einem gemeinsamen Event war, würde ich dagegen nicht anfangen, dasselbe Foto in fünf Personenordner zu kopieren.
Dann bekommt das Event einen eigenen Ordner.
Das mag im ersten Moment vielleicht weniger flexibel wirken.
Aber wenn du jedes Foto an drei oder vier Stellen speicherst, erzeugst du schnell ein anderes Problem: Du kreierst neues Chaos.
Außerdem verbrauchst du unnötig Speicherplatz.
Du willst eine Struktur, die Ordnung bringt – nicht eine Struktur, die dir noch mehr Kopien erzeugt.
So viele Ebenen wie nötig, so wenige wie möglich
Bei Ordnern kann man sich sehr schnell verlieren.
Du kannst zum Beispiel anfangen mit:
Bilder → Urlaub → Portugal → Madeira → Mai → 2020 → Strand → Sonnenuntergang
Theoretisch ist das sehr ordentlich.
Praktisch musst du aber sieben Ebenen durchgehen, bevor du bei deinen Fotos angekommen bist.
Das wäre mir zu viel.
Ich würde sagen: So wenige Ebenen wie möglich, so viele wie nötig.
Drei Ebenen können vollkommen in Ordnung sein.
Alles darüber würde ich mir zumindest noch einmal genauer anschauen und mich fragen:
Brauche ich diese Unterteilung wirklich?
Wenn du jedes Mal drei oder vier Ordner öffnen musst, bevor du überhaupt weißt, ob das gesuchte Bild dort liegt, hätte ich schon keine Lust mehr, überhaupt erst mit der Suche anzufangen.
Dann hast du dir die ganze Arbeit mit der Struktur umsonst gemacht, weil du sie einfach nicht mehr benutzt.
Was, wenn eine alte Struktur eigentlich komisch aussieht?
Dann lass sie trotzdem bestehen, wenn sie für dich funktioniert.
Das ist mir wichtig.
Ich habe zum Beispiel diesen „Bambi“-Ordner tatsächlich noch.
Ich weiß, was darin ist.
Ich brauche keine zusätzliche Erklärung.
Ich brauche keinen neuen Namen.
Und ich brauche auch keinen Unterordner mit Jahreszahl, Ort und Anlass, nur damit die Struktur von außen professioneller aussieht.
Wenn du eine Struktur seit Jahren benutzt und dich darin auskennst, ist das bereits ein Argument dafür, sie beizubehalten.
Du musst nicht alles neu organisieren, nur weil du gerade einen Artikel über digitale Ordnung liest.
Ordnung bedeutet nicht, dass alles von außen logisch aussehen muss. Ordnung bedeutet, dass du dich darin zurechtfindest.
Und dann gibt es noch das Thema Backup
Eine gute Organisation deiner Fotos bringt dir wenig, wenn die Fotos plötzlich weg sind.
Deshalb gehört für mich zur digitalen Fotoordnung auch die Frage:
Wo liegen meine Fotos eigentlich – und gibt es davon noch weitere Sicherungen?
Gerade wenn du deine Fotos an einem zentralen Ort sammelst und dort eine neue Struktur aufbaust, solltest du vorher klären, wie deine Fotos gesichert sind. Denn beim Sortieren, Verschieben oder Löschen möchtest du nicht riskieren, dass aus Versehen die einzige Kopie eines Fotos verschwindet.
Für eine digitale Fotosammlung gibt es dafür eine einfache Faustregel: die 3-2-1-Regel. Dabei gibt es insgesamt drei Exemplare deiner Daten, die auf mindestens zwei unterschiedlichen Speichermedien liegen. Eine dieser Kopien sollte außerdem an einem anderen Ort aufbewahrt werden.
Der letzte Punkt wird leicht übersehen. Wenn dein Laptop und deine externe Festplatte beide zu Hause liegen, hast du zwar zwei Kopien deiner Fotos. Wenn aber eingebrochen wird und beides gestohlen wird oder es einen Brand oder Wasserschaden gibt, können trotzdem alle Kopien gleichzeitig weg sein.
Eine Sicherung außerhalb deiner Wohnung kann deshalb sinnvoll sein. Das kann zum Beispiel eine Cloud sein. Du kannst aber genauso gut eine externe Festplatte bei einer Person aufbewahren, der du vertraust – zum Beispiel bei einer Freundin, deinem Partner oder einem Familienmitglied.
Du musst dabei nicht sofort ein kompliziertes technisches System aufbauen. Wichtig ist zunächst einmal, dass deine Fotos nicht nur an einem einzigen Ort existieren und dass du weißt, wo deine Sicherungen liegen.
Kopieren ist nicht dasselbe wie Verschieben
Gerade beim Übertragen deiner Fotos würde ich außerdem nicht sofort alles vom ursprünglichen Speicherort löschen.
Wenn du zum Beispiel Fotos von deinem Handy auf den Laptop überträgst, würde ich sie zunächst kopieren. Erst wenn du kontrolliert hast, dass die Fotos tatsächlich auf dem Laptop angekommen sind und sich dort öffnen lassen, kannst du überlegen, ob du sie auf dem Handy noch brauchst.
Das klingt vielleicht nach einem kleinen Unterschied. Bei einer großen Fotosammlung ist es aber ein ziemlich wichtiger.
Denn wenn beim Übertragen etwas schiefgeht, möchtest du nicht gleichzeitig auch schon die einzige andere Kopie gelöscht haben.
Deshalb gilt für mich: Erst eine weitere Kopie erstellen und kontrollieren, dann etwas am ursprünglichen Speicherort löschen.
Auch ein Backup darf einfach sein
Du brauchst dafür nicht unbedingt ein kompliziertes technisches System.
Bei mir ist eine Festplatte eine zusätzliche Sicherung und ich habe inzwischen außerdem eine Cloud. Das muss aber nicht bedeuten, dass du jetzt sofort fünf verschiedene Speichermöglichkeiten brauchst.
Die 3-2-1-Regel ist dabei eher eine Orientierung als ein Grund, dein ganzes System unnötig kompliziert zu machen. Entscheidend ist, dass du mehrere Kopien hast, nicht alle Kopien auf demselben Speichermedium liegen und mindestens eine davon an einem anderen Ort gesichert ist.
Wenn du dich mit Technik nicht gut auskennst, kannst du dir dabei auch Hilfe holen. Gerade bei einer großen Fotosammlung ist es völlig okay, wenn jemand anderes dir dabei hilft, die technische Grundlage einzurichten.
Die Entscheidung, welche Fotos du behalten möchtest, sollte aber bei dir bleiben. Die technische Einrichtung kann dir jemand abnehmen – die Frage, welche Erinnerungen für dich wichtig sind, nicht.
Deine Struktur darf mit dir wachsen
Vielleicht sieht deine Fotosammlung heute noch ganz anders aus als in fünf Jahren.
Heute fotografierst du hauptsächlich mit dem Handy. In zwei Jahren kaufst du wieder eine Kamera.
Heute hast du kaum Fotos von deiner Familie. Später hast du vielleicht Kinder und plötzlich einen riesigen Bereich mit Familienfotos.
Heute ist deine Wohnung noch ein großes Thema. In ein paar Jahren hast du vielleicht renoviert, bist umgezogen und brauchst diese Struktur nicht mehr.
Das bedeutet nicht, dass du jedes Mal deine komplette Fotosammlung neu organisieren musst.
Du passt einfach den Teil an, der sich verändert hat.
Eine gute Struktur muss nicht für alle Zeiten fertig sein. Sie muss nur zu deinem Leben passen, so wie es gerade ist.
Und gerade bei ADHS: Mach es dir nicht unnötig schwer
Eine der größten Fallen beim Organisieren digitaler Fotos ist meiner Meinung nach die Vorstellung, dass du jetzt endlich das perfekte System bauen musst.
Wenn du deine Fotos später wiederfindest, funktioniert dein System.
Wenn du nur einen Ordner öffnen musst und sofort weißt, was darin ist, funktioniert er.
Und wenn du merkst, dass du deine eigene Struktur nach ein paar Jahren nicht mehr verstehst, kannst du sie verändern.
Du musst nicht heute die perfekte Lösung für die nächsten 30 Jahre finden.
Du brauchst eine Struktur, die jetzt für dich funktioniert und die sich bei Bedarf weiterentwickeln kann.
Denn am Ende geht es bei digitaler Ordnung nicht darum, dass deine Fotosammlung besonders ordentlich aussieht. Es geht darum, dass du deine Fotos wiederfindest, sie sicher aufbewahrst und nicht jedes Mal von vorne überlegen musst, wo du eigentlich suchen sollst.
Damit das Fotochaos nicht wiederkommt
Eine gute Struktur hilft dir dabei, deine Fotos wiederzufinden. Aber sie verhindert natürlich nicht, dass jeden Tag neue Fotos dazukommen.
Wenn du wissen möchtest, wie du mit neuen Fotos, Screenshots und Videos umgehst und daraus wieder keinen riesigen Foto-Berg entstehen lässt, geht es im nächsten Artikel „Fotochaos bei ADHS dauerhaft vermeiden“ weiter.
Wenn du dabei merkst, dass du alleine immer wieder an Stellen hängen bleibst, kann genau hier mein Cheerleading helfen. In meinem 1:1-Online-Coaching schauen wir gemeinsam darauf, wo dein persönliches Chaos entsteht, welche Struktur für dich funktioniert und wie du Ordnung so aufbaust, dass sie auch in deinem Alltag mit ADHS funktionieren kann.