Du hast einmal richtig gründlich aufgeräumt. Alles sieht ordentlich aus, jedes Teil hat seinen Platz – und trotzdem sieht es wenige Tage später wieder ganz anders aus?
Gerade bei ADHS kann das frustrierend sein. Dabei ist die Frage oft gar nicht: „Wie bekomme ich meine Wohnung ordentlich?“
Sondern: „Wie schaffe ich es, dass meine Ordnung im Alltag funktioniert?“
Denn Ordnung halten und Aufräumen sind nicht dasselbe.
Eine funktionierende Ordnung bedeutet für mich nicht, dass deine Wohnung jederzeit perfekt aussieht. Sie bedeutet, dass du weißt, was du besitzt, wo es hingehört und wie du nach dem täglichen Chaos wieder dorthin zurückkommst.
Für mich beginnt Ordnung mit einer guten Grundordnung.
Wenn du einen Schrank öffnest, den du schon länger nicht mehr geöffnet hast, sollte dich nicht überraschen, was darin liegt.
Nicht: „Ach stimmt, das hatte ich ja auch noch.“
Sondern: „Ja, genau. Da ist es. Da wollte ich gerade hin.“
Du kennst deinen Besitz und weißt, wo die Dinge ihren Platz haben.
Das ist etwas anderes als aufgeräumt zu sein.
Aufgeräumt bedeutet beispielsweise, dass die waagerechten Flächen frei sind: Der Esstisch ist abgeräumt, die Küchenarbeitsfläche ist frei und auf dem Sofa liegen keine Dinge herum.
Dieser Zustand darf sich im Laufe des Tages natürlich verändern. Wenn gekocht, gearbeitet, gespielt oder Hausaufgaben gemacht werden, entsteht Unordnung. Das ist völlig normal.
Entscheidend ist, ob du anschließend wieder zu deiner Grundordnung zurückkehren kannst.
Ordnung halten bedeutet deshalb nicht, jeden Tag aufs Neue Ordnung zu schaffen. Es bedeutet, im Alltag immer wieder in eine bereits funktionierende Ordnung zurückzukehren.
Wenn Ordnung immer wieder zusammenbricht, würde ich nicht automatisch zuerst bei dir selbst ansetzen.
Vielleicht liegt das Problem gar nicht darin, dass du dich nicht an dein Ordnungssystem hältst.
Vielleicht passt das Ordnungssystem einfach nicht zu deinem Alltag.
Eine der ersten Fragen, die ich mir deshalb stelle, ist: Wer benutzt diesen Bereich eigentlich?
Nehmen wir die Küche.
Wenn Kinder bestimmte Dinge selbst benutzen sollen, müssen diese Dinge auch für sie erreichbar sein. Wenn etwas ausschließlich von den Erwachsenen genutzt wird, muss es nicht unbedingt auf derselben Höhe liegen.
Auch die Häufigkeit der Nutzung spielt eine Rolle:
Ein guter Platz ist nicht automatisch der schönste oder logischste Platz auf dem Papier. Ein guter Platz ist ein Platz, der im echten Alltag funktioniert.
Denn wenn der Rückweg eines Gegenstands jedes Mal mehrere Schritte erfordert, wird genau dieser Rückweg irgendwann zu einer zusätzlichen Aufgabe.
Besonders wichtig wird das, wenn mehrere Menschen zusammenleben.
Vielleicht weißt du genau, wo etwas hingehört – dein Partner oder deine Partnerin aber nicht. Oder die Kinder wissen zwar, dass ihre Sachen „irgendwo in diesem Schrank“ stehen, können aber nicht nachvollziehen, welches Fach gemeint ist.
Dann hängt die Ordnung plötzlich davon ab, dass eine Person ständig erklärt, erinnert oder hinter anderen herräumt. Das ist keine besonders stabile Grundordnung.
Hier können einfache visuelle Hinweise helfen:
Du kannst beispielsweise einen Schrank so organisieren, dass beim Öffnen sofort erkennbar ist, was wohin gehört.
Das muss überhaupt nicht kompliziert sein. Im Gegenteil: Je eindeutiger das System, desto weniger muss man sich daran erinnern.
Gerade bei Kindern können Farben, Symbole oder Sticker hilfreich sein. Noch wichtiger finde ich aber, Kinder in die Entwicklung ihres eigenen Systems einzubeziehen.
Sie dürfen mitentscheiden, wie ihr Bereich organisiert wird. Und sie dürfen Verantwortung für ihren Bereich übernehmen.
Die Aufgabe der Erwachsenen ist dabei nicht unbedingt, das Kinderzimmer selbst aufzuräumen. Sie können vielmehr die Rahmenbedingungen so gestalten, dass Kinder die Ordnung überhaupt selbst herstellen können.
Ein häufiger Stolperstein beim Ordnung halten ist ein Alles-oder-nichts-Gedanke: „Heute habe ich es nicht geschafft. Jetzt ist sowieso alles wieder durcheinander.“
Und genau hier lohnt sich ein Perspektivwechsel. Ein Tag, an dem Dinge nicht zurückgeräumt wurden, bedeutet nicht, dass die Grundordnung verschwunden ist.
Du hast nicht plötzlich vergessen, wo deine Dinge hingehören. Du hast an diesem Tag nur den Rückweg nicht geschafft. Das ist ein Unterschied.
Statt daraus eine neue Großaufgabe zu machen, kannst du am nächsten passenden Zeitpunkt einfach wieder anfangen.
Das Ziel ist, wieder einen Zustand herzustellen, von dem aus der Alltag weitergehen kann.
Eine Methode, die ich dafür sehr hilfreich finde, ist ein kurzer täglicher Reset.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, die Grundordnung neu herzustellen. Die Grundordnung sollte bereits vorhanden sein.
Beim Reset bringst du vielmehr die Dinge zurück an ihre Plätze, die sich im Laufe des Tages angesammelt oder verschoben haben. Mein Ansatz sind dafür etwa 15 Minuten mit Timer.
Du gehst durch die wichtigsten Bereiche und kümmerst dich vor allem um die sichtbare Unordnung:
Es geht dabei nicht darum, in 15 Minuten die komplette Wohnung zu putzen. Es geht um optische Ruhe.
Denn wenn überall Dinge herumliegen, kann eine Wohnung schnell unruhig wirken – selbst dann, wenn eigentlich alles einen festen Platz hat. Deshalb können kleine Handgriffe einen erstaunlich großen Unterschied machen.
In einem Haushalt mit mehreren Personen kann es sinnvoll sein, nicht nur einmal am Abend einen Reset einzuplanen.
Ein möglicher Rhythmus ist:
Mittags: 15 Minuten Reset
Gerade in Familien entsteht rund um den Mittag oft ein neuer Schwung an Unordnung.
Die Kinder kommen aus der Schule, Jacken und Taschen landen irgendwo, am Tisch werden Hausaufgaben gemacht und anschließend soll dort gegessen werden. Ein kurzer Reset kann helfen, den Tisch wieder freizuräumen und die Dinge nicht einfach irgendwohin zu schieben, sondern tatsächlich an ihre vorgesehenen Plätze zurückzubringen.
Abends: 15 Minuten Reset
Am Abend folgt noch einmal ein kurzer Rundgang. Die Küche wird zurückgesetzt, Oberflächen werden kurz gereinigt, Dinge werden zurückgebracht, Kissen und Decken geordnet. So beginnt der nächste Morgen nicht mitten im Chaos.
Nicht, weil die Wohnung dadurch jeden Tag perfekt wäre. Sondern weil du morgens wieder einen ruhigen Ausgangspunkt hast.
Ob zweimal 15 Minuten für deinen Haushalt sinnvoll sind oder ein anderer Rhythmus besser funktioniert, hängt natürlich von deiner Situation ab. Entscheidend ist nicht die exakte Zahl, sondern dass der Reset klein genug ist, um tatsächlich regelmäßig stattzufinden.
Gerade in Familien ist es wichtig, den Reset nicht automatisch als Aufgabe einer einzigen Person zu verstehen. Wenn mehrere Menschen in einem Haushalt leben, gibt es auch mehrere Menschen, die zur Ordnung beitragen können.
Vielleicht übernimmt eine Person abends die Küche. Vielleicht machen die Kinder vor dem Schlafengehen 15 Minuten in ihrem Zimmer. Vielleicht wechseln sich die Erwachsenen ab.
Auch ein Wochenplan kann dabei helfen, Verantwortlichkeiten sichtbar zu machen.
Die konkrete Haushaltsplanung ist ein eigenes Thema. Für das Ordnung halten ist aber ein Prinzip entscheidend: Die Grundordnung muss von den Menschen getragen werden, die sie benutzen. Sonst entsteht schnell ein System, das eine Person für alle anderen aufrechterhält.
Wenn du dich ausführlicher damit beschäftigen möchtest, wie sich die verschiedenen Aufgaben im Haushalt mit ADHS organisieren lassen, ist das Thema Haushalt mit ADHS noch einmal ein eigener Schwerpunkt.
Eine Grundordnung bedeutet nicht, dass jedes Zimmer jeden Tag gleich intensiv bearbeitet werden muss.
Küche und Bad können Bereiche sein, die häufiger einen Reset brauchen. Dort findet viel tägliche Nutzung statt und im Bad kommt zusätzlich das Thema Hygiene hinzu.
Wohnzimmer, Schlafzimmer oder Kinderzimmer können dagegen – je nach Haushalt – durchaus mehrere Tage mit einer kleineren Routine auskommen.
Es gibt keine universelle perfekte Ordnung. Ein Haushalt mit einer Person funktioniert anders als ein Haushalt mit mehreren Erwachsenen und Kindern. Je mehr Menschen einen Bereich benutzen, desto mehr Bewegung entsteht darin.
Das bedeutet nicht, dass die Ordnung nicht funktionieren kann. Das System muss nur zu dem Leben passen, das darin stattfindet.
Wenn du ständig das Gefühl hast, dass du deine Ordnung nicht halten kannst, würde ich nicht automatisch zuerst bei dir selbst ansetzen.
Stell dir stattdessen ein paar Fragen: Ist der Platz wirklich passend? Benutzt du etwas jeden Tag, musst es aber jedes Mal aus einer komplizierten Kiste holen?
Ist der Rückweg zu aufwendig? Muss etwas erst geöffnet, sortiert, gestapelt und wieder verstaut werden?
Wissen alle, wo etwas hingehört? Oder funktioniert das System nur, weil eine Person im Haushalt alle Plätze kennt?
Sind die Hinweise eindeutig genug? Könnten Beschriftungen, Farben oder Symbole helfen?
Sind deine Erwartungen realistisch? Vielleicht funktioniert dein System eigentlich ziemlich gut – nur nicht auf dem Niveau, das du dir selbst abverlangst.
Gerade dieser letzte Punkt wird leicht unterschätzt.
Wenn dein tägliches Soll so groß ist, dass du es dauerhaft nur unter Stress schaffen kannst, ist nicht automatisch deine Disziplin das Problem. Vielleicht ist einfach das Soll zu hoch.
Und manchmal liegt das Problem tatsächlich noch eine Ebene vorher: Wenn zu viele Dinge vorhanden sind, wird es schwieriger, für alles einen sinnvollen Platz zu schaffen. Dann kann Ausmisten bei ADHS der sinnvollere erste Schritt sein.
Vielleicht kennst du das: Du weißt genau, wo deine Dinge hingehören. Du hast ein System aufgebaut. Du weißt sogar, welche kleine Routine dir helfen würde – und trotzdem schaffst du es nicht, sie regelmäßig umzusetzen.
Genau hier setzt mein Cheerleading-Programm für ADHS und AuDHS an.
Du bekommst nicht noch mehr Tipps und auch keinen neuen perfekten Plan. Stattdessen hast du mich als persönliche Begleitung an deiner Seite: mit einem kurzen Gespräch alle zwei Wochen und täglichem Austausch per Chat. Wir schauen gemeinsam, was gerade realistisch ist, was dich blockiert und welchen nächsten kleinen Schritt du tatsächlich umsetzen kannst.
Denn manchmal fehlt nicht das Wissen über Ordnung – sondern jemand, der dir hilft, dranzubleiben.
Was, wenn heute einfach nichts ging?
Auch das gehört für mich zum Ordnung halten dazu. Es wird Tage geben, an denen du gestresst bist. Tage, an denen andere Dinge wichtiger sind. Und Tage, an denen selbst 15 Minuten zu viel sind.
Das bedeutet nicht, dass dein Ordnungssystem nicht funktioniert. Du musst nicht jeden Tag perfekt funktionieren, damit deine Ordnung funktionieren kann.
Vielleicht hast du heute nur die Arbeitsplatte geschafft. Vielleicht nur den Esstisch. Vielleicht hast du die Jacke aufgehängt und die Schuhe ordentlich hingestellt und mehr nicht.
Das klingt banal.
Aber genau diese kleinen Schritte können verhindern, dass aus einem einzelnen chaotischen Tag eine komplette Aufräumkrise wird.
Eine funktionierende Grundordnung kann dir Arbeit abnehmen – aber sie kann nicht jeden Tag alle Anforderungen des Lebens auffangen.
Trotzdem gilt: „Wie kann ich meine Umgebung so gestalten, dass Ordnung im Alltag möglichst einfach wird?“
Eine gute Grundordnung gibt Dingen einen festen Platz. Ein einfacher Rückweg macht das Zurückräumen leichter. Beschriftungen, Farben oder Symbole können dabei helfen, dass alle Menschen im Haushalt das System verstehen. Und kurze Resets sorgen dafür, dass die optische Unruhe des Alltags nicht immer größer wird.
Dabei darf die Wohnung zwischendurch natürlich benutzt werden. Sie darf gelebt aussehen. Sie darf während des Kochens chaotisch sein. Sie darf nach einem langen Tag nicht perfekt aussehen.
Ordnung halten bedeutet nicht, dass es nie wieder unordentlich wird. Es bedeutet, dass du einen funktionierenden Ausgangspunkt hast und immer wieder dorthin zurückkehren kannst. Und genau das ist für mich eine Ordnung, die wirklich funktioniert.
Dann lass uns gemeinsam herausfinden, was dich gerade noch daran hindert.